Leere Gesichter buchstabieren

Wenn du Lust hast, beschreib
den vollen Mond
und das alte Weib
auf dem Plastikschemel darunter.
Nur immer drauf los,
hier wird niemand verschont.

Radio und Marienbildnis,
ganz leise Choräle
und Trauergesang:
An den Ku’damm verschlagen
aus der russischen Wildnis,
und jetzt in der Hoffnung
auf Kleingeldempfang.

Ein Spiegel, ein Kamm,
eine künstliche Rose.
Die Beine vom Schemel
sind klapperig lose.
Christlicher Voodoo macht
die Gedanken ganz klamm.

Nackte Püppchen frieren sich
die Plastikärsche ab.

Sie merkt die Gicht schon in allen vieren,
und reibt sich die hornigen Hände wund.
Von seligen Gebern fehlt jede Spur –
als bleibende Übung gilt daher nur:
unsre leeren Gesichter zu buchstabieren.

Veröffentlicht unter Kritisch, Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Die Staatsmänner der Welt

Die Staatsmänner der Welt
begrüßen den Tod.

Die Staatsmänner begrüßen
den Tod der Welt.

Die Welt begrüßt
den Tod der Staatsmänner.

Staatsmänner vs. Welt
2 : 1

Veröffentlicht unter Kritisch, Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Sich nicht kümmern

Sich nicht kümmern
Lieber verkümmern
im Geländewagen
im Stau mit
Frau und
Wau-
wau

Veröffentlicht unter Kritisch, Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Gedruckte um[laut]e

umlaut

Veröffentlicht unter Schön | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Kohlen

Ich kann mich noch gut an meine erste Kohlenlieferung erinnern. Im verschneiten November 2010 gegen sechs Uhr morgens wetzten plötzlich zwei geduckte Gestalten schemenhaft durch meinen dunklen Innenhof, 50-Kilo-Säcke Steinkohle-Eier auf dem Buckel. Zehn davon schmissen sie mir in mein „Verlies“ im Keller, und nach getaner Arbeit war ihnen alles andere als kalt. Erscheinungen wie Bergarbeiter, kleingearbeitete Kraftkerle in speckiger, schwarzer Kluft. Eine gewisse Ruppigkeit, ja schlechte Laune gehören zum Ethos ihres Berufs, es ist ihnen nicht nach Rumgequatsche zumute, und das macht diese Leute grundehrlich und dadurch sympathisch. Sie freuen sich über ihr Trinkgeld und verabschieden sich wohlwissend mit: „Bis zum nächstenmal!“
So schnell sie gekommen waren, so schnell hatte sie der Wintermorgen wieder verschluckt, und ich stand im gelben Licht der Kellerleuchte und romantisierte die zehn braun-grauen Jute-Säcke voller Heizware: grau-schwarze Extrazit-Steinkohle. Wäre es nicht so kalt und schmutzig, ich würde wie Dagobert Duck durch meine Kohlenmengen tauchen. Stattdessen griff ich zur Handschaufel und füllte zwei Eimer mit der neuen Ware, um sie nach oben in die Wohnung zu tragen.

Ich mag es, mit Kohlen zu heizen. Das sage ich jetzt, Mitte September, da die Heizperiode noch nicht begonnen hat. Stecken wir erst einmal mitten im tiefsten Winter, im Januar beispielsweise, werde ich morgens in meiner kühlen bis kalten Wohnung fluchen, werde eilig die Aschekästen ausleeren und Feuerchen machen: Zeitungspapier, Kleinholz, Großholz, Kohlen. Bis die Kohlen durchgeglüht sind und also die Öfen Wärme abgeben, werde ich mich mit dicken Socken, einer ordentlichen Fleecejacke und einem afghanischen Pattu warmhalten. Noch bis Mitte Oktober (so ist der Plan) möchte ich mit dem Heizen warten. Bis dahin und darüber hinaus werden die genannten Kleidungsstücke sowie heißer Tee und eine Wärmflasche meine besten Freunde sein. Gäste, die aus gasetagenbeheizten Wohnungen zu Besuch kommen, behalten oft die Jacken an, freuen sich jedoch über das Knacken im Ofen. Irgendwann merken sie, dass es warm genug ist, und ziehen die Jacken aus.

Sobald jemand erfährt, dass ich noch mit Kohlen heize, ist er zuerst begeistert (oder er tut so), doch sofort merken wir, dass er sich auf das dünne Eis seiner Erfahrung begäbe, würde er nun versuchen zu fachsimpeln. Denn Ofenheizungen kennen eigentlich alle Leute nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern. Oder aus Märchen. Der Standardsatz, mit dem sie Ahnung andeuten wollen, lautet daher in etwa: Öfen machen eine schöne Wärme. – Ich stimme ihnen zu, und damit ist das Thema vom Tisch.
Natürlich haben Zentralheizungen ihre unschlagbaren Vorteile. Man drückt einen Knopf und hat es warm. Man hat keinen Dreck. Man muss sich nicht um Anmachholz kümmern. Man kann seinen Keller mit Unrat vollstellen. Und so weiter. Es gibt nichts unerotischeres, als schlaftrunken bei 15 Grad Raumtemperatur aus einem dunklen und kalten Ofen die kalte, graue Asche heraus zu schaben. Doch schon das Rascheln des zusammengeknüllten Zeitungspapiers hebt die Stimmung. Zwei Hände Kleinholz obendrauf, ein uraltes indisches Stoßgebet auf den Lippen (Agnim ile purohitam – Dich, Gott des Feuers, rufe ich! (Rg-Veda 1.1.1.)), und ein Streichholzflämmchen setzt alles in Brand.

Ja, die Ofenheizung ist etwas Rustikales, Ländliches, sie ist ein Relikt aus vergangener Zeit. Hier gilt: You can’t fake it! Darum liebe ich sie. Entweder man hat Glück, dann wird die Bude warm, oder man hat Pech, und die Bude steht unter Rauch, etwas dazwischen gibt es kaum. Übung macht den Heizmeister.
Auch wenn ich fluche, gehe ich insgeheim gern zur Aschetonne, leere den vollen Ascheeimer aus (Vorher Fingerprobe: Woher weht der Wind?) und belade ihn anschließend im „Verlies“ mit neuer Kohle. Man tut etwas für seine Wärme. Ich wollte und will es ja so. Würde es mir nicht passen, könnte ich ja umziehen.

Als Ofenheizer wird man schrittweise zum Wetterbeobachter und damit zum Naturbeobachter. Wolkenformen und Windrichtungen werden abgenickt; nebenbei beobachtet man beim Frühstück (in der noch kühlen Küche) einige Meisen bei der Futtersuche. Irgendwann fühlt und sieht man, ob draußen Hochdruck oder Tiefdruck herrscht. Man sieht es auch drinnen am Ofen. Bei Tiefdruck zieht der Ofen nicht gut, das heißt: Der Rauch steht länger im Brennraum, anstatt fix durchs Ofenrohr in den Schornstein und danach in die Atmosphäre zu eilen. Als Ofenheizer fühlt man die Luft im Gesicht, wenn man am offenen Fenster steht, und ahnt, wie sich das Anheizen entwickeln wird. Man lernt, was ein Flammenbild ist und wie man es zu deuten, ja: zu lesen hat. Man verliebt sich in den Anblick lodernder Flammen und glühender Kohlen. Und nicht nur das. Man hat ständig mit rohem, geschlagenem Holz zu tun. Ich liebe meine Holzscheite, ich habe sie gern in den Händen, ebenso gern, wie ich die Kohlenbriketts oder die Extrazit-Eierkohlen in die Hand nehme. Und weil ich den Anblick des gestapelten Holzes so liebe, stapelte ich mein Holz nicht nur im Keller, sondern auch im Winkel zwischen meiner großen Bücherwand und dem Schornstein. Das sieht nicht nur äußerst schön aus, sondern ist noch überaus praktisch, da es mir etliche Touren in den Keller erspart.
Nicht jedes Holz ist zum Heizen geeignet. Ich lernte also, bestimmte Holzsorten zu bevorzugen. Ich entwickelte Gespür für feuchtes, weniger feuchtes und eben trockenes Holz. Ganz zu schweigen von der Heidenarbeit des sommerlichen Holzhackens im Garten meiner Eltern. Bei 30 Grad mit der Axt hörte der Spaß auf. Doch es galt: Früh an den Winter denken! Der Winter wird hart, die Indianer sammeln Holz! Man lebt nicht vor sich hin, man muss vorraus planen. Ich lernte in meinem ersten Ofenheizungswinter die Brenndauer der verschiedenen Brennstofftypen (Holz; Stein- und Braunkohle) abzuschätzen. Ich merkte recht schnell, wie hell die ruhige Glut glühen muss, um nachgelegtes Holz noch entzünden zu können. Keep the fire burning! Als Kind durfte ich nicht kokeln, das hole ich jetzt nach!

Und dann ist da die zwischenmenschliche Seite des Ofenheizens.
Beispiel 1: Der locker-flockige Ton beim Telefonat mit dem Kohlenhändler des Vertrauens. Draußen lagen 20 Zentimeter Neuschnee, ganz Deutschland fluchte ob der sibirischen Kälte, und in meinem Verlies stand nur noch ein Sack Kohle. Höchste Zeit, nachzuordern.
Er: „Kohlenhandlung Richard Kögler.“
Ich: „Guten Tach, ich brauche Kohlen.“
Er: „Ja, ditt kannickma vorstelln…!“

Beispiel 2: Später dann, schon im Frühjahr, folgte mein Besuch seines – natürlich ofenbeheizten – Souterrain-Ladens am Südstern, in dessen Vorraum sich abgepacktes Feuerholz stapelt: Ein Laden, in dem sich seit 50 Jahren nicht viel verändert haben dürfte, außer dem jeweils aktuellen Kalender an der Wand. Hier steht kein Computer, weil keiner gebraucht wird. Bestellungen werden übers Telefon entgegen genommen, Rechnungen werden von Hand geschrieben. Kein facebook, kein Twitter, nichtmal eine Firmenwebsite. Und der Rest ist sowieso Handarbeit. Fertig, aus, gut so.

Beispiel 3: Der lange Plausch mit dem Schornsteinfeger vor meinem Wohnzimmerofen. Ich servierte dem Schwarzen Mann mit der leisen, ja zurückgenommenen Stimme heiße, weiße Milch, das fanden wir beide witzig. Er gab mir den Tipp, ein paar Backsteine auf den Allesbrenner zu legen und eine Schale mit Wasser oben drauf zu stellen – fürs Raumklima. „Soweit is ditt ditt beste, watt’se haben können, weil Sie hier die Wärme direkt im Raum erzeugen. Im Gegensatz dazu muss eine Gasheizung erstmal in Schwung kommen und das Wasser erwärmen, und das erwärmte Wasser muss durch die Rohre und Heizkörper der janzen Wohnung jeschickt werden. Ditt dauert und kostet!“ Wenn die Gas- und Öl-Preise weiterhin steigen würden (was abzusehen sei), kämen früher oder später die Leute wieder auf die bewährten Öfen zurück, sofern noch welche vorhanden sind. Mit Ofen sei man unabhängiger von den Preisturbolenzen, und der Kohlepreis sei hingegen recht stabil.
Er erzählte mir auch, woher die sprichwörtliche „Angst vorm Schwarzen Mann“ kommt: Die Schornsteine wurden in frühreren Zeiten – das heißt: seit dem Mittelalter bis ca. 1945 – von Kindern gesäubert. Ein dicker Schornsteinfegermeister passte nicht in den Kamin, also stieg ein Kind in einen Sack, der Sack wurde verschlossen und an einem Seil hinab gelassen. „Innen drin machte der denn Männeken.“, sagte mein Schornsteinfeger, und fuchtelte planlos mit den Armen herum, um die Reinigungsbewegungen zu erklären. Abertausende Kinder sind dabei draufgegangen: Vergiftet, erstickt oder nach einem Seilriss steckengeblieben; erst 2009 habe man noch in einerm Schloss am Berliner Stadtrand eine geräucherte Kinderleiche aus einem Schornstein geborgen. Ihre Kinder kauften sich die Schornsteinfeger in Kinderheimen. Besonders kleine und dünne Kinder wurden bevorzugt. Daher die „Angst vorm Schwarzen Mann“… Und weshalb bringen Schornsteinfeger Glück? Auch hier blickt man zurück bis ins Mittelalter. Dort, wo der Kaminkehrer gekehrt hatte, konnte kein Haus abbrennen. Diese Leute hatten also Glück. Bei denen, die die Dienste nicht in Anspruch nahmen, fingen die nicht gereinigten Schornsteine oft Feuer.

Beispiel 4: Sobald ich gegenüber alten Menschen erwähne, dass ich noch ganz klassisch mit Kohlen heize, sind sie mir wohlgesonnen. Heutzutage auf diese Art zu feuern scheint etwas ungeschrieben Bodenständiges zu sein. Man ist jemand, der sich nicht „zu fein“ ist, sich mehrmals am Tag die Finger schmutzig zu machen.

Ist ein Ofen romantisch? Als im Januar dieses Jahres endlich der neue Ofen in meiner Zimmerecke stand, wurde mir dank der Glasscheibe in der unteren Klappe klar: Besser als jedes Unterhaltungsprogramm ist ein loderndes Feuer. Und so lag ich auf meiner Couch, trank Tee und sah in die Flammen, während es draußen in dicken Flocken schneite. Herrlichste Meditation. Irgendwann verrutscht ein Holzscheit, ein Brikett rutscht nach, das Feuer tastet sofort nach und fängt an zu knuspern und zu knäusptern.

Jetzt neulich, Anfang September, kam die erste Lieferung für diesen Winter, eine halbe Tonne Braunkohle-Briketts. Allein schon das Wort Brikett mag ich: Brikett, Brikett, Brikett, Brikett, Brikett! Und ich mag die Ware an sich, die schwarzen Klötzer, gebündelt zu 25-Kilo-Paketen. Und ich mag das Geräusch, das entsteht, wenn die Kohlenträger diese Pakete auf den Steinboden des Kellers werfen. Es ist ein festes Klacken, kurz und hell: Was liegt, liegt.

Meine Macke: Sobald ich neue Kohlen im Verlies habe, möchte ich sie am liebsten jedem zeigen. Der Anblick eines vollen Kohlenkellers, die schiere Masse an Material ist toll! Freund Norbert musste schon mit runter kommen und artig staunen.

Veröffentlicht unter Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Rudrākṣa

Rudrākṣa. Die Perlen der shivaitischen Gebetsschnur in altertümlichen und modernen Quellen.
Buchcover
Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung
München 2010. 168 S.
ISBN 978 3 89975 411 7

(http://d-nb.info/1005499713)
(Notiz auf Indologica)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erster Teil: Einleitung

1.1 Gebetsschnüre außerhalb Indiens
1.1.1 Der katholisch-christliche Rosenkranz
1.1.2 Der islamische Rosenkranz
1.2 Gebetsschnüre in Indien
1.2.1 Die Gebetsschnur der Buddhisten
1.2.2 Die Gebetsschnur der Jains
1.2.3 Die Gebetsschnur der Sikhs
1.2.4 Die viṣṇuitische Gebetsschnur
1.2.5 Die śivaitische Gebetsschnur: Rudrākṣamālā
1.2.5.1 Botanisches
1.2.5.2 Der Name rudrākṣa
1.2.5.3 Verwendung

Zweiter Teil: Sanskrit-Quellen

2.1 Purāṇische Texte
2.1.1 Śivapurāṇa
2.1.2 Srīmaddevībhāgavatapurāṇa
2.1.3 Agnipurāṇa
2.1.4 Padmapurāṇa
2.1.5 Skandapurāṇa
Zusammenfassung
2.2 Upaniṣad-Texte
2.2.1 Rudrākṣajābālopaniṣad
2.2.2 Bṛhajjābālopaniṣad
2.2.3 Mantramahārnava & Mahākālasaṃhitā

Dritter Teil: Moderne Quellen

3.1 Erwähnungen bei Missionaren
3.1.1 Bartholomäus Ziegenbalg
3.1.2 Abbé J. A. Dubois
3.2 Beispiele aktueller Literatur
3.2.1 S. Rai
3.2.2 M. Makkar
3.2.3 K.T. Shubhakaran
3.2.4 W.-D. Storl
Fazit
3.3 Rudrākṣa in den sogn. Neuen Medien
3.3.1 Internetseiten
3.3.2 Teleshop

Schlußbemerkung
Appendix I – Sanskrit-Quellen
Appendix II – Mantras
Verwendete Literatur / Quellen
Abbildungsverzeichnis
Abbildungen

Veröffentlicht unter Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Verwandte

Veröffentlicht unter Schön | Hinterlasse einen Kommentar

Deutsche BILDung

Veröffentlicht unter Kritisch | Hinterlasse einen Kommentar

Satt essen…

Veröffentlicht unter Kritisch | Hinterlasse einen Kommentar

Kinderersatz

Hundetussi

Veröffentlicht unter Kritisch | Hinterlasse einen Kommentar