Indien X.

Schlagwörter

Zehn schwarze Schwalben, leicht im Morgennebel tänzelnd

überm tosenden Ganges:

(glaubt mir keiner, dieses Bild,

wenn ich’s berichten sollte)

3.8.2017, 7.30 Uhr Laxmanjhula, Rishikesh

Advertisements

Urfurcht vor der kalten Kirsche: Das Mon Cheri-Trauma

Schlagwörter

Wer kennt das nicht? Ab einem bestimmten Kindesalter ließen einen die Eltern in feierlicher Gelöstheit — beispielsweise an einem Geburtstag oder eben zu Weihnachten — plötzlich zum ersten Mal die letzten Tropfen aus einem Schnapsglas kosten. Eine neue Geschmacksrichtung tat sich auf, so also schmeckte so ein Schnaps, den die Erwachsenen trinken: bitter, beißend, scharf. Pfui bäh. Und husten musste man auch. Man verzog das Kindergesicht, die Tischrunde um einen herum lachte und man wurde auf später vertröstet, denn das Zeug sei ja eben nicht für Kinder…

Einige Heiligabende später durfte man mit Likör gefüllten Weihnachtsbaumbehang aus seiner Alufolie auswickeln, nicht aber ohne vorher die mahnenden Worte: „Da ist aber Schnaps drin!“, vernommen zu haben. Meistens reichte einem die Schokolade noch vollkommen aus, und die umstehende Feiergesellschaft nahm sich des harmlosen Mini-Schlückchens an.

Irgendwann war man soweit gereift, eine solche Likör-Praline mit den Zähnen zu knacken. Man war gefasst auf den flüssigen Inhalt und konnte die Tropfen mit der Schokolade am Gaumen zu einer wohlschmeckenden Masse zerquetschen, nicht ohne nachwievor husten zu müssen. Edle Tropfen in Nuss — nicht übel. Asbach Uralt in Schoko-Fläschchen — für Kenner! Und eines unschuldigen Abends in der Adventszeit —

Weiterlesen

Zeitumstellung

Schlagwörter

,

Ich schrieb diesen Text
eine Stunde zu früh, also
eine Stunde zu spät.

Die Uhren zurückstellen, du hast keine Chance, du kannst nicht sagen: Ich tu’s nicht. Du wirst es tun, tun müssen, bleibst du doch sonst zurück, kommst zu früh und zu spät zu allen Terminen … Die Termine, die Götzen unserer Zeit … Wer keine Termine hat, existiert der denn? Wer nirgendwohin muss, kann sich auf die Halde der Bedeutungslosigkeit kippen lassen. Die Zeit, das Gold unserer Tage. Die Tage, die nicht mehr zählen. Weißt du, deine fragilen Ideengebilde kannst du dir einrahmen und im zugigen Durchgangszimmer über den Ofen hängen. Der Ofen fragt nicht wie und warum, aber trotzdem: Heize ihn nicht mit faulem Käse, sondern mit den /Entwürfen deines idealen Lebens©/ die du nächtens auf die unbedruckten Ränder alter Zeitungen kritzeltest: dein kleines Leben als Randbemerkung zu den wirklich wichtigen Dingen. Wir alle haben versucht (wir alle sind gescheitert), nicht in die Mühlengänge der Betriebsamkeit zu geraten, und früher oder später haben wir eingesehen, dass es unmöglich gemacht wird. Solange du nicht bei Rot über Ampeln gehst, darfst du tun, was du magst. An den Konstellationen in Weltraum und Atmosphäre ändert eine grüne oder rote Lampe nichts Weltbewegendes, aber erkläre das plausibel einem Polizisten. Nötigenfalls schützt man dich vor dir selbst. Je dicker die Gesetzesbücher, desto verkommener der Staat. Unsere Gesetzesbücher sind dicker als jedes heilige Buch, sind die heiligen Bücher der fortschreitenden Entwertung.

Die Uhren zurückstellen, damit der Puls der Zeit auch in dir alles Nötige übertönt. Schlafe nicht, lass dich ins Koma befördern, ins Koma schlagen. Bleib also unbewusst oder werde es wieder, kein Affe weiß um seinen Stammbaum. Bewusstlos bei offenen Augen, vertraue rein der Technik, so wirst du ein guter Bürger. Dein Schrecken wird dir schon noch genommen, ein rostiger Besen wird die letzten Zweifel aus deiner Hirnschale verfegen. Und wenn du am Rande einer Krise stehst, werden sie dir sagen, alles sei nicht so gemeint, du müsstest lediglich erkennen, dass die Schuld nicht bei ihnen, sondern bei dir liegt. Wenn du ein Problem hast, ist das dein Problem, sie haben keins, also ist es kein Problem in ihrem Sinne
Weiterlesen

~Von dene Saufkoeppen A.D. 2o16~

Schlagwörter

, ,

Neyn, besonders merckwuerdig sind ja die Teutschen, und inzbezondare deren blasz-roth angelaufnes Mannsvolck heuer gewesn, wie zie dar am Tage des Herrn Jesu Auffahrt dene geystichen Truenke wol zusagten, dasz es einem stattlichen Manne, dere in Safft und Bluete stehet und von dene Academien ueber Cultura & Welte viel und wol gelernet hat – wie onsereinam, diez meinet den Verfasser daselpst! – Angst und Bange ums Menschenthume ward! – Doch in Reih!

Wo ich mich auch, da ich heuer zu Nicolais‘ Berlin und Coelln-Rixdorfe in dene Parkanlagen die Stadtmauern entlange spazirete, auffhielt, so fandt ich zie allenthalben stehn & daumelen ond gannz garzige Raeuberlieder anstimmen, deren Inhalte ich meynem geneygeten Leser zur seyner Schohnung darob nicht gezondert an diesem Orte ausbreyte. Der guenstigste aller Gerstensaefte aus dunckelem Glaswerck flosz in Stroemen, und dem Piratenvolke schien’s zu schmeckn. Warzen wucksen auf derer Nasn, Augn stirten hinab bis zu dene Bauchnabeln, so krumm standen sie teilweize, und kaume ward eyner unter ihnen, dere nicht humpelte! Auch fandt sich niemant eyn, dere dem missgebuertichen Treyben Einhalth geboethe, und zo soffen diese armen Feuerfreszer, Landdiebe, Schachtarbeyter, Kohleklopfer, Kothkoeche, Schlaechterknechte, dasz uns schon vom reynen Anblicke unt im Voruebergehn uebel ward. Ihrer Anzahl in dere ganzen groszen Statt war von Legion, was mich bis ins Marck erschuetterte! Dies liderliche Volck, dies ganze ohngebildte onlaute Halbaffenthume, wie man es aus dene phantastueschsten Reyseberichten von Berlin zu kennen meynt, wardt ueber dieser Statt verteilet & besoffen.

Weiterlesen