Nebelig

Der heutige Tag war eingerahmt von leichtem Nebel.

Morgens gegen halb acht stand ich, obwohl ich Nichtraucher bin, auf unserem Balkon in innerlich wie äußerlich sich lichtender Morgendiesigkeit, bei 4°C; die Novembersonne stand unmotiviert aber plfichtbewusst hinter den Häuserdächern in dünnen Wolken. Die Tauben auf einer nahen Fernsehantenne dösten döselich-taubig und verhandelten unter sich jede weitere Viertelstunde Sitzzeit. Rote Rücklichter reihten sich unten die 30er-Zone entlang, und schon vorn an der Ecke wurde die Sicht milchig, der Witterung wegen.

Der mit Rülpsern ausgelegte Tag schob sich ereignislos durch die Stunden, gegen 16:45 Uhr war schon wieder Dunkelheit anbefohlen, und in der ihr vorangegangenen, schnellen Dämmerung legte sich herbstliches Feuchtigkeitsgesprüh in die Seitenstraßen, Gehwege, Querwege und Hausflure, bis hinein in die Gedanken der nach Hause tuckelnden Berufstätigen. Der Schein der Ampellichter war milchig verwaschen, Reklametafeln sahen von weitem weit weniger aggressiv aus als sonst, die meisten Autos fuhren bedächtiger als gewöhnlich, doch der (Halb-)Mond als König aller Nebellampen ließ noch auf sich warten…
Ich mag Nebel.

Einen Titel finden

Größenwahnsinniger Eisverkäufer werden.
Kastanien bunt bemalen.
Einem Vampir einen Espresso spendieren.

Bodenbeläge benennen.
Den Keller in einen Märchenstall verwandeln.
Sich seine Wohnung mit Laub füllen.

Die Gedichte eines Kranführers herausbringen.

Eine Wiese mit Schritten durchmessen.

Ein Wörterbuch der Krähensprache edieren.

Sich frische Blumensträuße ins Bett legen.
Einen Raum mit Fellen auskleiden.


Eine Persönlichkeit wie warmes Brot haben.

Der Alte im Dach

Der Herbstabend flutete an den Tagesrand: Wäldliche Feuchtigkeit hing in der Luft, das Tageslicht ließ schon nach. Rotgelbe Hecken drängten sich ineinander. In stehenden Gewässern vermehrte sich Entengrütze lautlos. Krähen flogen ob letzter Besorgungen durch den sanft einsetzenden Nieselregen. Mond ließ sich keiner blicken; ’s war’n zuviele Wolken.

*

Wo finden Sie soetwas noch, frage ich Sie?“ – Sein Haus stand nämlich unter einer mittelalten Eiche und war verwinkelt und eng: Gedrungen und kantig von außen wie zwei hochkant aneinander gestellte Tortenstücke, vollgestellt und luftknapp von innen (Aber alles picobello aufgeräumt! Die Bücher Ecke auf Ecke, und die unzähligen Fotorahmen an den Wänden wie mit der Wasserwaage ausgerichtet!). Wo man freie Schritte hätte gehen wollen/können, standen dekorative Vasen und Möbel oder eingezogene Wände stilvoll-keck im Weg. Möglichkeiten, sich den Ellenbogen anzustoßen oder versehentlich einen Bilderrahmen anzupendeln, gab es genügend.
Die bodentiefen Fenster glichen Schießscharten. Die Küche war ein weißer, vollausgestatteter Küchenschlauch. Im Wohnzimmer sah man auf matt getünchte Betonflächen, wo ein Fenster bitter notgetan hätte. Dafür gab’s an anderen Stellen einige Fenster mit Blick hinaus in dichte, tote Heckenwinkel. Weitblick überall gleich Null (Grundstücksgrenze in etwas mehr als einer Armlänge). Merkwürdig, ja mir schon verdächtig pathologisch, diese draußen wie drinnen völlige Abwesenheit von Weite oder wenigstens einem angedeuteten Bedürfnis danach.
Ein an die Wand gestelltes Piano musste als Präsentierteller für einige ihm ausgestellte Urkunden herhalten; darunter war eine (Now here we got him!), die 1944 vom „Reichskanzler und Führer“ daselbst unterschrieben worden war und den Reichsadler samt Hakenkreuz eingeprägte hatte. Nicht unbedingt etwas, mit dem man sich heutzutage von fremden Besuchern Ansehen erheischen würde.

*

Rutschige und geländerlose Treppen gaben seiner verknitterten, katzenhaft lauernden Witwe täglich Hoffnung auf einige noch stillere Lebensjahre, doch der Hausherr himself (90+) lebte ewig und offenbar gänzlich im Dachgeschoss in seinem eigenen Rhythmus und Reich, eben unter seiner Eiche, inklusive WC und Laserpointer in (abstrahierter) Pistolenform. Schneidiges Lebensmotto übrigens: „Immer einen Finger am Abzug, Sie versteh’n?“ Und ob, Freundchen. Und ob!


Ein Don Quijote hing als Scherenschnitt über seinem Bett (Bettrahmen aus Marmor); Bemerkungen darüber verklangen ungehört in batterietoten Hörgeräten. Ja, er konnte sich jederzeit in seine Schwerhörigkeit flüchten und in unbequemeren Gesprächsverläufen den schon etwas erinnerungsstutzigen Greis herauskehren: Man kann die Nachteile des Alters auch in Vorteile verwandeln…

Sich einen Reim machen

Schlagwörter

Sich einen Reim machen.
Sich eine Dose aufmachen.
Sich einen silbernen Anzug kaufen und Spiegelverkäufer werden.

Frischen Salat anbauen.
Sich sein Siegel aus schrumpeligen Radieschen schnitzen.
Herbstsuppe aus frischen Kartoffeln kochen.

Einer Krähe ein Auge auspicken.
Lange Atemzüge üben.
Streichholzschachteln taufen.

Ein Haus kaufen und im Schuppen wohnen.
Den Schuppen abreißen und im Zelt leben.
Ohne Zelt in den warmen Süden ziehen.

Unter Hollunderbüschen Träume spinnen.
Spinnen als Untermieter betrachten.
Steine wiedererkennen.

Sich eine Eule als Wappentier auswählen.
Sich einen Mauersegler genau übers Herz tätowieren lassen.
Sich seine Stiefelabsätze heimlich mit Gold füllen.

Eine Kaleidoskopsammlung anlegen.
Schwarz-weiße Perserteppiche zum Selberausmalen erfinden.
Die Dorfkastanie täglich zweimal grüßen.

Ein Thema verwerfen.
Eine Gans adoptieren.
Vorhänge löchrig schießen.

Zwei Hände voll Briefmarken in den Gegenwind werfen.
Ein Antiquariat übernehmen.
Sich mit Taschenspielern gutstellen.

Eine Stadt über Nacht umbenennen.
Auf Dächern campieren.
Schaufenstern Absagen erteilen.

Sich einen silbernen Anzug kaufen und Spiegelverkäufer werden.
Sich eine Dose aufmachen.
Sich einen Reim machen.

Versiegelt

Ich wandelte heute vormittag auf staubtrockenen pfaden im stadtpark. Der hiesige regionalsand knirsch-knirschte fein in meinen ansehnlich ausgelaatschten sportsandalen.
Ich rastete alsbald unter lichtsprenkelnden laubbäumen, denen es arg dürstete nach himmelswassern. Stumm hielten sie ihre trauermesse an einem vom grünflächenamt sich selbst überlassenen rosenrundbeet. Ich schrie(b) mein gebet für sie in die lau drückende spätsommerluft.

Äffchen auf spielgeräten auf spielplätzen tobten und tollten ihre kindliche energie frei heraus, als zwei pumpenwärter auf dem nahegelegenen gehweg einen deckel zur städtischen unterwelt öffneten.
Der todesvogel der mittagsstunde ließ seinen klageruf erklingen, als der zweite pumpenwärter dem ersten pumpenwärter auf einer leiter hinab ins dunkel nachfolgte. Umringt von staunend erschauerten kindergartenkinderaugen wurde das gullimaul von unten-innen geschlossen, als würde es nun die beiden blaumänner zu verdauen beginnen wollen. Die zwei 30jährigen kindergärtnerinnen, die aufgrund eines früh verlebten lebens wie mitte 50 aussahen, konnten ihrer schlotternden bande auch keine weitere erklärung für das soeben geschehene/gesehene geben, und wandten sich endlich mit einem schulterzucken ab.
Wie man mit flüssigem wachs einen lilienweißen brief nach lincolshire versiegelt, so schiss denn noch ein paradiesvogel im vorbeiflug genau in das bullseye des erwähnten gullideckelrunds, und wenn ich das alles zusammen nicht mit eigenen augen gesehen hätte, würd ich denken, ich hätte es mir nur ausgedacht.