Sich einen Reim machen

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Sich einen Reim machen.
Sich eine Dose aufmachen.
Sich einen silbernen Anzug kaufen und Spiegelverkäufer werden.

Frischen Salat anbauen.
Sich sein Siegel aus schrumpeligen Radieschen schnitzen.
Herbstsuppe aus frischen Kartoffeln kochen.

Einer Krähe ein Auge auspicken.
Lange Atemzüge üben.
Streichholzschachteln taufen.

Ein Haus kaufen und im Schuppen wohnen.
Den Schuppen abreißen und im Zelt leben.
Ohne Zelt in den warmen Süden ziehen.

Unter Hollunderbüschen Träume spinnen.
Spinnen als Untermieter betrachten.
Steine wiedererkennen.

Sich eine Eule als Wappentier auswählen.
Sich einen Mauersegler genau übers Herz tätowieren lassen.
Sich seine Stiefelabsätze heimlich mit Gold füllen.

Eine Kaleidoskopsammlung anlegen.
Schwarz-weiße Perserteppiche zum Selberausmalen erfinden.
Die Dorfkastanie täglich zweimal grüßen.

Ein Thema verwerfen.
Eine Gans adoptieren.
Vorhänge löchrig schießen.

Zwei Hände voll Briefmarken in den Gegenwind werfen.
Ein Antiquariat übernehmen.
Sich mit Taschenspielern gutstellen.

Eine Stadt über Nacht umbenennen.
Auf Dächern campieren.
Schaufenstern Absagen erteilen.

Sich einen silbernen Anzug kaufen und Spiegelverkäufer werden.
Sich eine Dose aufmachen.
Sich einen Reim machen.

Versiegelt

Ich wandelte heute vormittag auf staubtrockenen pfaden im stadtpark. Der hiesige regionalsand knirsch-knirschte fein in meinen ansehnlich ausgelaatschten sportsandalen.
Ich rastete alsbald unter lichtsprenkelnden laubbäumen, denen es arg dürstete nach himmelswassern. Stumm hielten sie ihre trauermesse an einem vom grünflächenamt sich selbst überlassenen rosenrundbeet. Ich schrie(b) mein gebet für sie in die lau drückende spätsommerluft.

Äffchen auf spielgeräten auf spielplätzen tobten und tollten ihre kindliche energie frei heraus, als zwei pumpenwärter auf dem nahegelegenen gehweg einen deckel zur städtischen unterwelt öffneten.
Der todesvogel der mittagsstunde ließ seinen klageruf erklingen, als der zweite pumpenwärter dem ersten pumpenwärter auf einer leiter hinab ins dunkel nachfolgte. Umringt von staunend erschauerten kindergartenkinderaugen wurde das gullimaul von unten-innen geschlossen, als würde es nun die beiden blaumänner zu verdauen beginnen wollen. Die zwei 30jährigen kindergärtnerinnen, die aufgrund eines früh verlebten lebens wie mitte 50 aussahen, konnten ihrer schlotternden bande auch keine weitere erklärung für das soeben geschehene/gesehene geben, und wandten sich endlich mit einem schulterzucken ab.
Wie man mit flüssigem wachs einen lilienweißen brief nach lincolshire versiegelt, so schiss denn noch ein paradiesvogel im vorbeiflug genau in das bullseye des erwähnten gullideckelrunds, und wenn ich das alles zusammen nicht mit eigenen augen gesehen hätte, würd ich denken, ich hätte es mir nur ausgedacht.

Wartezimmeranekdote

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Jetzt im Sommer fällt mir gerade eine Anekdote aus einem Winter ein.

Wir hatten damals noch wochenlangen Frost und man verfluchte morgens das im Minusbereich feststeckende Thermometer, als ich mal richtig krank war. Nicht nur zehn Tage erkältet, sondern richtig grippal angegriffen: Kopf zu, Nase zu, Stirn zu, Ohren dicht, Stimme weg, Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Appetitlosgkeit, Schlaflosigkeit, Fieber, akustische Fatamorganas im Gehörgang — dit janze Programm eben…
Als das Fieber am sechsten Tag endlich auf 38.5°C runter ging, schleppte ich mich auf frostknirschenden Gehwegen die zwei Kilometer zu meinem Hausarzt, die Augen halb geschlossen, die Mütze bis zur Nasenwurzel runtergezogen, den Schal vorm Mund. Der eisige Wind drang trotzdem bis runter auf die Knochen. Durch den verrotzten Wasserkopf wummerten meine Schritte abgedämpft gegen die Schädelinnenseiten.

Während der Anmeldung am Tresen hörte ich meine eigene Stimme von weit weg, und im Wartezimmer pellte ich mich nur äußerst ungern aus meinen Kleidungsschichten. Die im Winter bei mir obligatorische Fleecejacke behielt ich ebenso an wie den Schal. Ich setzte mich ans hintere Ende des Wartezimmers auf einen einzeln stehenden Stuhl und schloss, in Erwartung des Aufgerufen-Werdens, meine müden Augen.
Unter den flirrenden Sinnesverirrungen der sich fröhlich austobenden Krankheit ausharrend, bemerkte ich deshalb nicht wirklich, dass ich bald mit einer Endvierzigerin und ihrer Holzperlenkette allein im ansonsten leeren Zimmer war. Es herrschte Stille. Wie das eben so ist. Niemand spricht. Beide warten. Die Viertelstunden vergingen. Plötzlich hob sie ihre Stimme schwärmend an und sagte zu mir, der ich mein Los  leiernd und stoisch, flach atmend und eben halb dösend ertrug:

„Sie … Sie strahlen so eine erhabene Ruhe aus… Nein, wirklich…. Wahnsinn… Das überträgt sich richtig auf einen…!“

Als wär das hier ein Meditationskurs. Sicher, das war nett von ihr gemeint, aber ich war noch nie erreichbar für unangebrachte Komplimente in falschen Momenten: Ich hatte mehr Rotz im Rüssel als ein Elefant. Ich war seit elf Tagen meine eigene Sauna! Ich hörte hohe Klänge im Ohr, die jeden Ohrwurm vergraulten. Ich war KRANK, Mann! aber nicht die Ruhe selbst, sondern ziemlich ausgeknockt. — Und ich sagte ihr das auch dergestalt und einäugig: „?!..Hmpfrlllgarglmmnn..!? Iccchäh binnn krannnkk…dassis alles…!“, und damit versiegte meine Kommunikationsfähigkeit auch schon wieder. Sie schob wohl noch ein „Wirklich beeindruckend!“ o.ä. hinterher, aber das versandete unkommentiert in den Sphären der Wartezimmeraura, oder wo auch immer.

Das war sie schon, die Anekdote aus einem Winter.

Marshall oder Orange?

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Ein ganz persönlicher Psychothriller inklusive Selbsttäuschungen und Seelenstrips

 

 

Vorrede
Wer Rockmusik im weitesten Sinne goutiert, kennt die Gitarrenverstärkermarke MARSHALL. Marshall ist eigentlich auch sonst jedem ein Begriff, und wenn auch nur von den schwarzen Kopfhörern, die man draußen auf vielerlei Eierköppen sieht. Ohne tiefer in die Materie einzutauchen, aber Marshall-Amps gaben der Rockmusik erst ihren Sound, ihren Klang, ihre Wucht, ihre schiere Lautstärke. Und ihren Look: Schwarze schwere Kästen, am hinteren Bühnenrand gerade so noch im Scheinwerferlicht erkennbar, rot leuchtende Lampen signalisieren: kampfbereit – und der weiße Marshall-Schriftzug auf allen Elementen: Wer auf Rockkonzerte geht – ob in einen Club oder ins Stadion – wird selten keinen Marshall-Verstärker auf der Bühne erblicken. So gut wie alle Größen der Rockgeschichte spiel(t)en über Marshall-Amps; und wer als Gitarren-Neuling einen Verstärkerkauf erwägt, denkt wohl zuerst an Marshall. So auch ich, nachdem ich ein anderes Gerät nach langen Jahren Benutzung verscherbelt hatte. – Gut, das hätten wir geklärt.
So. Abgesehen von den den diversen Konkurrenzfirmen (Fender, Vox, HiWatt, Hughes&Kettner, Peavy usw usf.) gibt es auch noch die Firma ORANGE, deren Verstärker in orangefarbenes Tolex eingekleidet sind, die ab den 70ern bei vielen Acts sehr beliebt waren und die eben auch in der härteren Spielart Verwendung fanden – z.B. bei Black Sabbath und Led Zeppelin. – Totschick, diese orangenen Kisten, sag ich euch! Sehen aus wie aus nem Kraftwerk entwendete Kontrollpanele. Heiße Scheiße! Und teuer. Orange hatte es damals als Neuling unter den oben genannten etablierten Verstärkermarken etwas schwieriger, im Business Fuß zu fassen, dabei avancierte der Londoner Verkaufsladen gleichzeitig schnell zu einem beliebten Treffpunkt der damaligen Gitarristen-Szene…

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Schlurf, schlurf…

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Ich köpfte gegen die Mittagszeit den letzten Schokoosterhasen dieses Jahres, glitt in meine indienerprobten Flipflops und begab mich — flotten (!) Schrittes, wie es meine Art schon immer ist und war — unter die Menschen, nach draußen: In „diesen Zeiten“! Der Sommer war jüngst um die Ecken gebogen und lag heute platt, bewegungslos und drückend in den Straßen dieser zusehens vernachlässigten, ausverkauften Stadt (Berlin war mal so schön -; ihr macht euch keine Vorstellungen!).
Ich ging ob Besorgungen und Zerstreuungen in die Schöneberger Hauptstraße, also nur um die Ecke, und aber ach! – da begann mein Zickzacklauf: All die Leute schlenderten! Aber nicht, so schien mir, weil sie sich gemütlich Zeit nahmen, — nein! — weil sie träge waren und lethargisch. Weil sie nicht mehr anders konnten! Womöglich, weil der neuliche Lockdown ihrem ohnehin lahmen Leben auch noch den letzten Lebensschwung ausgetrieben hat. Nein, ja, wirklich: wo ich in Zeitraffer durchwirbelte, mussten vor-neben-hinter mir schwere Füße unsicheren Gehern und Geherinnen gehorchen. Schuhe, die als Sportschuhe auf die Welt gekommen waren, langweilten sich tödlich, während sie in Zeitlupe über die Gehwegplatten gehoben wurden von provozierenden Jungbullen und alten Ochsen.

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