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Wir haben’s eigentlich nicht nötig… Aber auf taz.de schreibt ein Julian Weber einen so ausgesprochen falschen, sinnfreien und schülerhaft formulierten Artikel über das Acid-Mothers-Temple-Konzert vom 6.10.2015 in Berlin, dass man aus dem Kopfschütteln nicht herauskommt, sofern man selbst auch vor Ort war. – Halten wir es mit Arno Schmidts Credo: „Opposition muss sein!; schon als bloß=leise Mahnung zum Brilleputzen für Jeden allzu Selbst=Sicheren.“  Und also hinein ins „Vergnügen“…

Der Artikel beginnt mit:

Am Eingang des SO 36 warten junge, italienisch sprechende Frauen, E-Zigarette rauchend, Weißbier aus der Flasche (Brauerei Hopf, Miesbach) trinkend. Es ist halb neun, die Pforten sind noch verschlossen, …

Das klingt wie der Bericht eines Stasi-Agenten, oder? Ob hier jemand italienisch spricht oder nicht, ist völlig egal. Willkommen in Kreuzberg, Du Landleuchte! Zweitens: ich hatte um halb neun im SO36 bereits mein Ticket von den Bandmitgliedern am Merchandise-Stand signiert bekommen und ebenda drei CDs gekauft… – Drittens soll die Nennung der Weißbiermarke eine präzise Auffassungsgabe suggerieren, damit die Leserschaft sicher sein möge, vom „detailversessenen“ Berichterstatter auch im folgenden nur korrekt informiert zu werden…

… was perfekt zur Band des Abends passt: Die bewusstseinserweiternde Band Acid Mothers Temple aus dem japanischen Osaka arbeitet getreu dem Motto „Do whatever you want, don’t do whatever you don’t want.“

Naja, so heißt vor allem ein Album der Band aus dem Jahre 2002. – AMT’s Motto in Sachen Musik könnte man mit: „Erst übertreiben, dann zügig steigern.“, deutlich treffender beschreiben. – Das Wort ‚Band‘ in zwei aufeinander folgenden Sätzen: Mangelhafter Ausdruck! – Als nächstes muss nun Julian selbst ersteinmal dick übertreiben, um auf seine Zeichenanzahl zu kommen und seinen CvD zu beeindrucken:

Die Vorfreude am Eingang weist geradewegs auf Ernst Bloch und das in seinem Hauptwerk „Prinzip Hoffnung“ ersonnene „antizipierende Bewusstsein“. Man wartet hoffnungsvoll und träumt dabei einem besseren Leben entgegen. Diese „Ontologie des Noch-Nicht“ charakterisierte Bloch als utopischen Tagtraum. Tagträume, so Bloch, teilen die imaginative Konstruktion von Wunscherfüllung mit dem Nachttraum, anders als in der Nacht geschieht dies bei vollem Bewusstsein.

Heiter: ja. Vorfreude: gewiss, ein Konzert ist ja kein Polizeiverhör. Ontologie des Noch-Nicht: gestelztes Gewäsch, das auf einen im Hintergrund kräftig drückenden Minderwertigkeitskomplex hinweisen kann. Ironisch-gewitzt soll dieser Einschub sein, ein gutbürgerliches, intellektuelles Augenzwinkern angesichts der Lokalität, in die sich der Autor begab: Julian im SO36 – tz, tz, tz. – Anyway, wer auf ein Konzert geht, möchte vor allem die Musiker live sehen, will hautnah dabei sein, wenn, wie im Falle von Acid Mothers Temple, die Klangwände aufgebaut, bearbeitet und zerbombt werden. Ich wage zu bezweifeln, dass sich die Anwesenden vor und im SO36 gleich ein besseres Leben von diesem Abend erhofften. Weder werden sie an Blochs Hauptwerk, noch an imaginative Konstruktionen von Wunscherfüllungen gedacht haben. Auch wird keine von den weißwurschtbiertrinkenden SpanierItalienerinnen wie aus dem Schlaf hochgeschreckt sein, als plötzlich das schwere Schiebegitter (denn eine Pforte hat Türen, du Narr!) aufgeschoben wurde.

Schon die Crowd im SO 36 am Dienstag ist super interessant. Wenig Hipster, null Hauptstadt-Journaille, massig Fremdsprachler, viele Frauen, einige Härtefälle: ein Deadhead, von Kopf bis Fuß in Batik mit geschientem Arm. Zwei Fahrradbotinnen, die sich mitten im Pulk seelenruhig auf dem Boden niederlassen und auch während des Konzerts sitzen bleiben. Ein Skateboarder in Lammfelljacke, der sein Rollbrett eisern hält wie ein Handorakel. Alte Zausel und junge Asiaten, drei von ihnen jonglieren an der Bar mit Akrobatik-Ringen: Wir leben in einem freien Land.

Der letzte Satz ist die zynische (und letztenendes hilflose) Reaktion des deutschen Spießbürgers, wenn im Dorf einer plötzlich ein pinkes Cabriolet fährt oder eine Frau mit bspw. dunklerer Hautfarbe heiratet. Im Endeffekt drückt der Satz nichts anderes aus als eine aus schierer Kleingeistigkeit kläffende Menschenverachtung im Sinne von: Bedauerlicherweise darf hierzulande ja jeder tun was er will: sich bunt anziehen, in der Öffentlichkeit jonglieren oder sich gar auf den Fußboden setzen. Diese Flut von ‚fremden‘ Eindrücken muss der 1967 geborene Schweinfurter Julian Weber natürlich ersteinmal verarbeiten. Alles, wofür es in seinen Kindheitsmustern keine Entsprechung gibt, muss als Abweichung verdaut werden: Hier laufen Frauen rum (viele sogar, sabber-lechz!), einfach so, und manche können, wie erwähnt, sogar eine südliche Fremdsprache sprechen, während sie die selbstverständliche Freiheit besitzen, Weißbier zu trinken. Willkommen im 21. Jahrhundert, Herr Weber! – Was er die Härtefälle nennt, kratzt hier im SO36 und in Berlin generell & genaugenommen niemanden! Wer sich heute im Batikhemd in der Öffentlichkeit zeigt, dem darf grundsätzlich ein wesentlich höherer Grad an Individualisierung und Charakterbildung (und damit wahrscheinlich auch Intelligenz) zugesprochen werden, als demjenigen, der sich darüber mokiert wie eine Tee-Tante [Geflüsterte Unterstellung: Gerade die unterfränkische Großvätergeneration hätte J.W.s dokumentierte Härtefälle wohl allesamt – und nicht nur verbal – „an die Wand stellen lassen“ wollen!] – Übrigens, wenn mir jemand sagt, etwas sei ‚super interessant‚, muss mein Gedankenmachermännchen im Kopf sofort den Gähn-Reflex unterdrücken. Schon rein stilistisch ist ‚super-interessant‚ eine Vierminus! Wobei Weber recht hat: Journalismus kann man seinen Artikel nicht nennen, und so richtig ernst nimmt die taz sowieso niemand – das weiß hier draußen eigentlich jeder, nur in den Redaktionsräumen der taz hat’s noch niemand mitgeschnitten. Also korrekt: Null Hauptstadt-Journaille anwesend. Dafür jedoch ganz viele dunkelhaarige AusländerInnen südeuropäischer Herkunft, die uns deutschen Besuchern die Stehplätze wegnahmen, gell? Oder eben am Tresen rumjonglierten. Verrückt. – Der Skateboarder in Lammfelljacke?: Es war’n ausgemachter Hipster mit Skateboard, der die Freiräume im Konzertsaal als Catwalk benutzte und sich anfangs penetrant oft in meiner Nähe aufhielt. Apropos ich: Wieso findet meine schöne bunte Patch-Cordhose, die ich an diesem Abend trug, eigentlich keine Erwähnung als Härtefall? ;-P

Gegen viertel vor elf haben sich die fünf Musiker urplötzlich auf die Bühne gebeamt.

Weder diese Uhrzeit, noch das urplötzlich können stimmen. Ich stand in der ersten Reihe vor der Bühne und sah zu, wie die Band ihr Equipment konzentriert und zügig aufbaute. Will sagen: sie waren schon ein Weilchen auf der Bühne, bevor’s losging. Wahrscheinlich war J.W. von den am Tresen jonglierenden alten Zauseln (oder Asiaten?) in imaginative Konstruktionen von Wunscherfüllungen verwoben worden… – Doch ganz recht, wenn hier in Berlin die Gitarrenverstärker angewärmt werden, geht in Schweinfurt der Nachtwächter durch die Gassen.

Die Verstärker hochgefahren, schrauben die Künstler urplötzlich an einer ihrer heavy Gitarrenhooklines, endlos durch die Gestade flirrende Akkorde, die sich trotz Effektgeräte-Wahnsinn ganz leicht ausnehmen.

In zwei aufeinander folgenden Sätzen ‚urplötzlich‘ zu verwenden ist stilistisch Fünfminus! Es ist nicht so gewesen, dass im SO36 Stille herrschte und von einer Sekunde auf die andere bunter Lärm losbrach. [Zwei Vorbands waren aufgetreten, die man zwar erwähnen kann, aber nicht weiter behandeln muss.] Der Effektgeräte-Wahnsinn des Band-Chefs Kawabata Makoto hält sich erstaunlicherweise sehr in Grenzen, wie das folgende Foto beweist:

Wir sehen (v.l.n.r.) ein Wah-wah-Pedal, ein Vintage Big Muff, ein kaputtes Zoom-Pedal, Boss Digital Reverb, Boss Pitch Shifter mit Pedal sowie ein Fender Twin Blackface – fertig ist die Laube (der Tempel)! Verglichen mit dem aberwitzigen Effektgeräte-Wahnsinn des sehr überschätzten Weichspüler-Gitarristen von U2 ist das hier reiner Mäusezirkus, der jedoch in Kombination mit den wirklich voll (Stufe 10!) aufgedrehten Marshall-Amps wahre Wunder bewirkte und einem die Gehörgänge tirillierend durchzwirbelte.

Sechs Songs werden Acid Mothers Temple spielen, anderthalb Stunden, die sich anfühlen wie Lichtjahre. Far out, wie der Kalifornier zu sagen pflegt.

Wenn man schon die Uhr nicht lesen kann, ist ’sechs‘ als Aussage ganz schön gewagt! Es waren im Set nach meiner Zählung mindestens neun Tracks untergebracht. Aber wer wird denn kleinlich sein.

„Have you seen the other side of the Sky“, fragt das neue Album von Acid Mothers Temple im Titel.

Das so betitelte Album ist vor NEUN (9!) JAHREN erschienen. Get your facts right, moron!, wie der Kalifornier zu sagen pflegt. Vielleicht hätte die taz jemanden fragen sollen, der sich auskennt? – Das aktuelle 2015er Album von AMT heißt Benzaiten, diese Info sei gleich noch mitgeliefert (Keine Ursache!).

Mitten in den nun folgenden Versuchen, das Konzert dann doch noch irgendwie zu beschreiben, sticht noch eine Passage heraus, die man unkommentiert lassen kann, aber nicht muss:

Gerne wäre man Zeuge einer dieser Gestaltfindungsprozesse, bei dem Makoto die Band auf seine epische Freak-Out-Form einnordet und aus drei Akkorden einen Zyklus entstehen lässt. Authentisch ist hier gar nichts.

Gemeint sind damit sowohl der musikalische Stil wie auch der Name der Band Acid Mothers Temple and the Cosmic Inferno, respektive and the Melting Paraiso U.F.O. etc. pp. – Peinlich bis witzig, dass hier wieder ein Nicht-Künstler sich dazu befähigt sieht, über Künstler zu urteilen, ohne überhaupt Ahnung von der Materie zu haben, geschweige denn in der Lage zu sein scheint, eigene Gedanken in inhaltlich zusammenhängenden Sätzen auszudrücken. Da steht Weber mitten im Konzert, vor ihm wird gerade in Echtzeit ein eben solcher Gestaltfindungsprozess angeworfen; eine Kette von spontanen Ideen wird hörbar und erlebbar gemacht wie im FreeJazz, einmalig in dieser Form, unwiederbringlich, in exakt dieser Ausführung kein zweites Mal reproduzierbar. Doch vor lauter Überforderungen [mit 1. der Lokalität, 2. der Uhrzeit, 3. mit dem äußerst heterogenen Publikum, 4. aufgrund seiner kleinstädtischen Sozialisation und 5. mit dem Genre an sich] ist er nicht in der Lage, genaus das zu begreifen oder einfach nur rein zu erleben, also zu erfahren, ohne es intellektualisieren zu müssen. Aber das Problem haben wir Härtefälle seit Jahr und Tag mit den talentlosen Durchschnittsmenschen. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. – Nein, jede Gitarrensaite der Band hat mehr Stil, macht mehr Sinn, klingt besser und ist jederzeit authentischer als Julian Webers Versuche, dieses Konzert zu beschreiben.

Auch der Rest des Artikels ist nur geschmäcklerisches Rauschen auf Klatschreportage-Niveau. Hier soll jetzt nicht mehr der Platz sein, um das alles noch weiter auszurollen wie ein Fladenbrot. Wer mag, möge selbst noch im Original weiterlesen. Selbst sein Deutschlehrer hätte in Julian Webers Artikel an jeder zweiten Zeile ein fettes, rotes A für ‚Ausdruck!‘ und ein fettes, rotes „I“ für ‚Inhalt!‘ gekritzelt, etwa so hier:

Spiel, Satz und Sieg: Julian Weber verliert in der Punkewertung 23:0, mindestens! Fazit: Nicht ärgern, nur wundern. Darüber, dass man mit derart runtergejodelter Schreibe Geld verdienen kann. Oder vielleicht doch nicht? Warum sonst muss man auf taz.de vor jedem Artikel ersteinmal eine Spendenaufforderung wegklicken? Und liest da niemand Korrektur, bevor’s online geht?

Übrigens, ich fand das Acid-Mothers-Temple-Konzert im SO36 richtig gut und habe mich gefreut, die überdrehteste Band weit und breit endlich einmal live gesehen zu haben.

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