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Wer kennt das nicht? Ab einem bestimmten Kindesalter ließen einen die Eltern in feierlicher Gelöstheit — beispielsweise an einem Geburtstag oder eben zu Weihnachten — plötzlich zum ersten Mal die letzten Tropfen aus einem Schnapsglas kosten. Eine neue Geschmacksrichtung tat sich auf, so also schmeckte so ein Schnaps, den die Erwachsenen trinken: bitter, beißend, scharf. Pfui bäh. Und husten musste man auch. Man verzog das Kindergesicht, die Tischrunde um einen herum lachte und man wurde auf später vertröstet, denn das Zeug sei ja eben nicht für Kinder…

Einige Heiligabende später durfte man mit Likör gefüllten Weihnachtsbaumbehang aus seiner Alufolie auswickeln, nicht aber ohne vorher die mahnenden Worte: „Da ist aber Schnaps drin!“, vernommen zu haben. Meistens reichte einem die Schokolade noch vollkommen aus, und die umstehende Feiergesellschaft nahm sich des harmlosen Mini-Schlückchens an.

Irgendwann war man soweit gereift, eine solche Likör-Praline mit den Zähnen zu knacken. Man war gefasst auf den flüssigen Inhalt und konnte die Tropfen mit der Schokolade am Gaumen zu einer wohlschmeckenden Masse zerquetschen, nicht ohne nachwievor husten zu müssen. Edle Tropfen in Nuss — nicht übel. Asbach Uralt in Schoko-Fläschchen — für Kenner! Und eines unschuldigen Abends in der Adventszeit —

— man ist noch kein Teenager gewesen — wird auf einer Familienzusammenkunft eine rosa-rote Box auf den Tisch gestellt. Und alles greift zu. „Da ist aber Schnaps drin!“, vernimmt man wieder, nicht ahnend, dass einem gleich die Welt um die Ohren fliegen wird.
Jeder nimmt sich eine Praline „mit der Piermont-Kirsche“, packt das puff-schwul-schwüle Rosé-Papier beiseite und verschlingt ohne mit der Wimper zu zucken dies Zuckerwerk.
Das unschuldige Kind freut sich ob des abermaligen Abenteuers Schnapspraline, als vorzeitige Ausnahme und generöses Herangeführtewerden an „Gefährliches“. Und eigentlich hätte man schon längst im Bett sein müssen. Doch hier ist wieder eine Chance, etwas Erwachsenes zu probieren. Das Kind durchbeißt also mutig die verhältnismäßig dicke Schokolade, der Likör rinnt zwischen die sich aufeinander zu bewegenden Zahnreihen … — und im nächsten Moment berührt die Zunge einen kalten, dicken schleimigen Popel inmitten der Schokoladenbrocken!! Oder ist es eine halbierte Schnecke? Teufelswerk! Nicht umsonst verkaufen sie das Zeug in Pentagramm-Form:

Satanistisches MC-Pentagramm

Vollgesogen mit Schnaps, bitter im Grundton, rauh, weich, glitschig — ausgespuckt und geflucht! Blasses Bordeaux auf weißer Tischdecke. Die verdammte Kirsche ist in der Praline drin, nicht nur deren Geschmack. Der Abend ist gelaufen, wäre man doch bloß schon im Bett gewesen!

Psychologen nennen diese Erfahrung [in naher Zukunft] das MonCheri-Trauma. Betroffene versuchen danach oft ihr Leben lang, den Schrecken weg zu saufen, oder aber sie entsagen jeglichen Schnapspralinen im Allgemeinen, aus der Urfurcht vor der kalten Kirsche…

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