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Ich buchstabiere: Ell-Doppel-A-Tee-Ess-Ceh-Hah!

Laatsch ist nicht Müller, Schmidt oder Meier in all ihren Abwandlungen. Laatsch ist relativ selten in Deutschland. Aber den Namen scheint’s vielfach zu geben. Nicht häufig, aber wir Namensträger*innen würden bei einer Versammlung schon eine mittelgroße Schulaula füllen, wenn wir die „falsche“ Schreibweise Latsch mit dazu holten.
Als Laatsch muss man den Namen schon ab und zu googeln, um sich davon zu überzeugen, dass man nicht der einzige ist, und ich kenne persönlich niemanden außerhalb meiner Familie, der auch Laatsch heißt. Und ich habe auch noch niemanden kennengelernt, der gleichgültig murmelte: „Laatsch?! Ja, ja, so heißt auch mein Cousin vierten Grades…!“ Man ist namenstechnisch recht isoliert als Laatsch, und obwohl der Name eher rustikal ist, verliert man manchmal die Bodenhaftung: Wer heißt schon Laatsch? Laatschen existieren in Gruppen immer nur im Singular!

Wie lebt es sich mit dem Namen Laatsch?


Nun, man erntet oft ein Schmunzeln, weil der Name laatscht. Andere Namen rocken, unserer laatscht.
„La(a)tsch, la(a)tsch, die Heide blüht!“, hörte mein Vater früher auf dem Schulhof, aber wohl nicht oft. Wie auch er, so blieb auch ich von weiteren Hänseleien verschont, was mich heute manchmal wundert (Ich bekam aufgrund meiner langen Haare außerhalb der Schule mein Fett weg, aber dazu ein andermal mehr).
Doch mit „latschen“, also dem trantütigen, schlurfigen Gehen hat der Name nichts zu tun. Laatsch ist scheel, Laatsch ist Grauzone, Laatsch ist diebig, aber nicht gleich kriminell. Sagt ein Namensbuch. Der Name kommt vom Küstenhinterland, und er wird wohl nicht nur an der deutsch-/-polnischen Ostsee-, sondern auch an der deutschen und der niederländischen Nordseeküste so verortet und geschrieben. Meine Oma väterlicherseits sprach nicht direkt Platt, hatte aber weich gerollte Rs und aushauchende Es in ihrer schönen pommerschen Sprachmelodie.

Dann existiert ein (wohl ganz netter) Ort namens Laatsch in Südtirol, von dessen Heimatpflegebüro wir monatliches Schutzgeld einstreichen, da sie sich ungefragt an unserer Linie vergreifen.
Hier in Berlin-Schöneberg betreiben zwei vergoldete Jungspunde ein Park-Café des Namens LAAX, die sind auch in Reichweite von Copyrightverletzungsabmahnungen und wissen noch nichts von ihrem Glück.
Ein Mitglied einer Abtreibungs-Ethik-Kommission hieß/heißt Leo Latasch – den zählen wir des Prestiges halber mit zu unserem Clan, womöglich hat er sich ja sein Leben lang nur falsch geschrieben, gell?

Apropos verschreiben und buchstabieren: Es ist der ungerundete offene Hinterzungenvokal nach dem tönenden Initialsonorant (Hat hier jemand Philologie gesagt?! *hüstel*) – gemeint ist: das Doppel-A nach dem L – der von Außenstehenden und Erstschreibern des Namens oft für ein Malheur oder Tippfehler gehalten wird.
„Sehr geehrter Herr Latsch,…“ kommt öfter vor, sowohl im Brief- wie auch im E-Mail-Verkehr. Doppel-A kann nicht sein.

Indeed, man kann den Namen noch so langsam buchstabieren – sobald man zum Doppel-A kommt, verpufft bei vielen Schreibenden die Konzentration, es ist ein Phänomen, und den Rest des Namens bekommen sie dann auch nicht mehr auf die Reihe. Das fidele T wird gern ebenso überhört/unterschlagen wie wie das lauernde, kauernde C vor dem abschließenden H. Laasch, aber auch Latch, Lausch, Lautsch sind schon vorgekommen. Am besten, man schreibt den Namen gleich selbst.
Anglophone (die, wie die Frankophonen, seit jeher nur das aussprechen können, was sie schon kennen) brechen sich die Zunge am TSCH und es kommt so etwas wie „Latzk“ dabei heraus; hier hilft es, auf das „silent C“ hinzuweisen, und schon klappt’s besser: „Laatsh, similar to large, but without the R.“ Oh, isn’t that nice… etc. pp.

Den Vogel schossen aber dieser Tage die Jungs unseres DHL-Post-Lotto-Kiosks ab, und ich gebe mir hier mir nicht den Raum, das Drama in seiner ganzen Pracht und Blödheit darzustellen, sondern biete nur die nötigst verzierte Kurform dar.
Ich erwartete also ein Päckchen, adressiert an mich daselbst, Mario Laatsch, Straße Nummer XX. So. Das Päckchen war versandt worden, kam aber nicht an. Kein Postbote klingelte je an meiner Tür, kein unterbezahlter, übermüdeter DHL-Fahrer legte es unter meine Fußmatte. Es landete auch nicht im besagten DHL-Post-Lotto-Kiosk: ich ging täglich dort hinein und fragte nach der Sendung, gute vier Wochen lang. In Woche zwei kam ich mir schon verhaltensauffällig vor.
Man nahm jedes Mal meinen Ausweis zum Namensabgleich entgegen, verschwand damit backstage und kam mit leeren Händen, einem Achselzucken und nach unten gekräuselter Unterlippe wieder an den Tresen: nein, tut uns leid, nichts da.

Nach sechs Wochen holte ich das Päckchen dann bei der Absenderin persönlich ab, da es als unzustellbar zu ihr zurück gekommen war. Ich las auf dem DHL-Etikett: Mario Laatsch, Straße Nummer XX, Postleitzahl, Berlin, Deutschland. Alles korrekt.
Und dann besah ich den Karton und las auf einer Seite, von den Kiosk-Jungs geschrieben: Straße Nummer XX, Name: Mario VAABCU.

laatsch vaabcu

Ich schluckte. Ich buchstabierte erneut: V A A B C U. Die letzten sechs Wochen flogen vor meinem inneren Auge vorbei: peinliches Hinrennen zu wegfahrenden DHL-Autos vor meinem Haus, das tägliche, peinliche, kurze bange Warten am Kiosk-Tresen, die verhasste Entgegennahme der Pakete für Hausnachbarn…
Dann bekam ich Nackenschmerzen, – ach, was sag ich: ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln. Als ich mich davon erholt hatte, riss ich drüben im DHL-Kiosk die Wände ein. Nein, natürlich nicht. Aber ich kippte den kläglichen Rest meines guten Glaubens an die gesamte Menscheit wieder einmal komplett über die Balkonbrüstung, schimpfte noch den halben Tag wie ein Rohrspatz und applaudierte der gesamten Kiosk-Crew da unten ob ihrer glamourösen Leistung, aus unserem L ein V, aus unserem TS ein B und unserem H ein U gemacht zu haben, UND zudem (!) nicht bemerkt zu haben, dass ein Päckchen mit einem Doppel-A-Namen für die nachgefragte Hausnummer seit Wochen im Regal verharrte und nicht abgeholt wurde, obwohl jeden Tag ein Verrückter namens Mario mit Doppel-A im Nachnamen reinkam und nach einem Päckchen für Straße Nummer XX fragte. Klar, VAABCU ist nicht gleich LAATSCH, aber nach Mario Vaabcu fragte ja auch niemand, da hier kein Mario Vaabcu wohnt; immerhin aber ein Mario Laatsch: Eckiger Anfangskonsonant und Doppel-A reichten bei drei verschiedenen Individuen für eine Synapsen-Verknibbelung nicht aus, um bei der 27. Nachfrage das Ding doch vielleicht mal aus dem Fach zu nehmen und zu wenden, das Etikett zu begucken und den Vornamen auch mal mit abzugleichen…! Es war zum Schreien und zum Lachen gleichermaßen. Bloß gut, dass an solchen Sendungen keine Leben hängen; aber man stelle sich vor, so etwas passiert z.B. im Vorfeld einer Herz-Operation mit Spenderblut..