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1. Sie haben Indologie, Indische Kunstgeschichte und Südasienstudien studiert. Wie hat Ihr Studium Ihre Tätigkeit als Autor beeinflusst?
Ich bin mit Anfang 20, noch vor meinem Studium, das erste Mal nach Indien gereist, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Ich war weder auf Sinnsuche, noch verklärter Neohippie, und als ich dort zum ersten Mal in Bombay in eine außereuropäische Kultur eintauchte, wurde mir schlagartig bewusst, mit welchen Zuständen wir zuhause in Europa und Deutschland bereits unzufrieden sind – das heißt: es uns leisten, unzufrieden zu sein. Im Rest der Welt haben sie ganz andere Probleme; das weiß man zwar auch, ohne eine Fernreise in ein Schwellenland zu unternehmen, aber das ist ein abstraktes Wissen, das man bequem wegschieben kann. Es macht aber einen Unterschied, ob man dreckige, bettelnde Kinder nur aus der Spendenwerbung des heimischen Vorweihnachtsprogramms kennt, oder ob sie einen auf offener Straße anzupfen mit warmen, menschlichen Händen. Also, um zur Frage zu kommen: Durch den Kontakt mit einer anderen Kultur im Laufe meines Studiums habe ich auch meine eigene Kultur besser durchschauen und bewerten können. Und die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft fließt – überdeutlich, würde ich sagen – in meine Lyrik ein. Aber, und das verwundert mich selbst ab und zu: Südasien und insbesondere Indien sind erstaunlich selten der Anlass für ein Gedicht, sowohl früher, als auch gegenwärtig. Warum das so ist, darauf habe ich mir (Wortspiel beabsichtigt!) noch keinen Reim gemacht.

2. Welche Themen liegen Ihnen als Autor besonders am Herzen?
Ich würde nicht sagen, dass mir Themen besonders am Herzen liegen, da ich Gedichte oft schreibe, wenn der Frust zu groß wird, also, um Unzufriedenheit loszuwerden. Ähnlich ist das bei mir übrigens auch beim Tagebuchschreiben. Ein guter Freund von mir hält jeden Tag auf einer Seite fest, egal was bei ihm los war. Ich hingegen setze mich meistens nur vors Tagebuch, wenn mich etwas wurmte und aufregte. Das Tagebuch als Abladestelle. – Bei der Zusammenstellung des Manuskipts für diesen Band habe ich festgestellt, dass die Kritik an den Entwicklungen in unseren westlichen Überflussgesellschaften aber das wiederkehrende Hauptthema ist. Diese übersatte, diese blasierte, träge, chronisch-beleidigte und überhebliche Attitüde, mit der wir aus der „westlichen“ Hemisphäre durch die Welt gehen, regt mich auf und frustriert mich. Und das schlimmste ist, sie ist ansteckend. Abgesehen davon sind es kurze Momentaufnahmen des Alltags, die den Anstoß für einen Text geben können.

3. Sie haben sehr zeitig, im Jahr 2000, begonnen ein Online-Tagebuch (www.mario-laatsch.de) zu schreiben. Was hat sich seitdem verändert?
Naja, zunächst einmal die Art und Weise, wie man Inhalte erstellt und präsentiert. Früher hat man seine Homepage in Handarbeit erstellt, also in HTML geschrieben, und wenn man keine oder nur wenig Ahnung davon hatte, sah das Ergebnis auch entsprechend aus. Mit dem Aufkommen von Facebook und anderen Plattformen ist der Trend, sich eine eigene kleine Seite im Netz zu bauen, wahrscheinlich zurück gegangen. Ich würde annehmen, dass man sich heute weniger Gedanken um individuelles Design macht als früher; heute reicht das Vorgefertigte aus, und dafür ist die Bedienbarkeit einfacher geworden. Ich selbst habe mein frei gestaltetes Blog ja auch so um 2009 auf eine WordPress-Vorlage umgestellt, weil das Arbeiten damit einfach weniger sperrig ist. Zudem hat man weniger Probleme mit der Darstellung auf verschiedenen Geräten, Betriebssystemen und Browsern.

4. Wie sehen Sie die Zukunft der Literatur und speziell der Lyrik im Zeitalter von Smartphone, Individualismus, entfesseltem Kapitalismus und jugendlichem Desinteresse?
Die Lyrik hat es diesseits der Alpen im Prinzip schon immer schwer gehabt, gehört zu werden. Das wird auch so bleiben. Jemand, der mit Mitte dreißig noch Gedichte schreibt, kann zudem nicht ganz knusper sein, oder? Wenn ich irgendwo erwähne, dass ich ab und zu ein Gedicht schreibe, zieht mein Gegenüber ratlos die Mundwinkel nach unten. Gedichte gelten den meisten Leuten allein schon aus Schultagen nur als tantenhafte, teppichtrockene Verbalverrenkungen. Ich weiß nicht, welche Dichter heutzutage im Deutschunterricht gelesen werden, um die jüngeren Generationen mit Dichtung vertraut zu machen. Und ich bin gespannt, wessen Texte meine Tochter eines Tages in ihren Hausaufgaben bearbeiten müssen wird. – Wir sind bereits an immer schnellere cuts, Inhaltswechsel und rasende Themenwechsel gewöhnt worden, und mit der so flächendeckend neu konditionierten Aufmerksamkeitsspanne von Goldfischen lässt sich kaum ein mittellanges Gedicht ohne Unterbrechung aufnehmen, geschweige denn schreiben.
Naja, und auf den erwähnten Individualismus wurde, soweit ich das beurteilen kann, bereits der Abgesang angestimmt und ein sich breitmachender, neuer Konformismus ist zum aktuellen Zeitgeist auserkoren worden. Wenn ich mir eine heutige Schulklasse angucke, sehe ich da ein Dutzend gleich aussehender Mädchen und ein Dutzend gleich aussehender Jungen: Schuhe, Hosen, Jacken, Haarschnitt und Attitüde weichen so gut wie gar nicht mehr von einander ab. Außenseiter und „Freaks“ sieht man irgendwie gar nicht mehr. Die Orientierung hangelt sich an den Maßstäben der Instagram-Herde entlang, einen Trend zum Individualismus kann man kaum mehr ausmachen. – Ohne die Außensicht eines sich individuell entwickelten Ichs lässt sich aber keine richtige Kunst erschaffen; doch in Zeiten, in denen jedwede Äußerung von Kunst im Prinzip nichts kosten soll (weder in der Produktion, noch in der Präsentation) und quasi nur als eine vom Alltag ablenkende Nettigkeit angesehen wird, wird das achselzuckend hingenommen. Aber ich habe keine Ahnung, wovon ich da rede und sehe die Dinge womöglich schwärzer, also sie sind. Die Lyrik als „Königs-Nische“ der Literatur wird also, wie gesagt, auch zukünftig nicht populärer werden.

5. Was würden Sie sagen, wenn jemand dem Mediendienst Twitter das Potential zusprechen würde, eine neue Art von Literatur und Ausdrucksweise zu befördern?
Ich würde ratlos die Mundwinkel nach unten ziehen und aufs Wetter zu sprechen kommen… Nein, ja, ich glaube, man könnte durch Twitters Zeichenbegrenzung tatsächlich einen verknappten Stil üben und beispielsweise witzige Pointen formulieren und Meinungen punktgenau ausdrücken. Wenn man es kann – ansonsten bleibt‘s peinliches Gestammel. Im Englischen klappt das wegen der Syntax besser als beispielsweise im Deutschen, dafür gibt es im Netz (vermeintlich) witzige Twitter-Screenshots zuhauf. Aber ob eine neue Art von Literatur ertwittert werden kann, bezweifle ich, beziehungsweise es hängt vielleicht davon ab, ab wann irgendwelche Gremien oder Wettbewerbs-Initiatoren das Twitterformat als Literaturform ausrufen, um besonders modern wirken zu wollen.

6. Würde der persische Dichter Rumi zum Beispiel im heutigen Zeitalter twittern?
Nein, Rumi war wohl permanent so verzückt und in der Pose der Wallung, inklusive echtem Bluthochdruck, Vorhofflimmern und fabelhaften Sehstörungen – der hätte aufgrund der Zeichenbegrenzung und der damit einhergehenden Schreibunterbrechung sofort wieder den Laptop zugeworfen. Und vielleicht auf die Twitter-Erfinder geflucht, wer weiß…

7. Sie haben mehrere Kurzfilme gedreht. Was gefällt Ihnen an diesem Medium und welche Verbindung sehen Sie zur Literatur?
Die Filme sind neugierige Übungen und ein Herantasten an ein technisches Medium, das unmittelbarer auf den Betrachter wirkt. Mein bisher längster Film „Kleine Narrenkunde für Anfänger“ ist aber immerhin 60 Minuten lang und ist ein Portrait des Schriftstellers Ulrich Holbein (Anm.: Es handelt sich nicht um den Fantasyautoren Wolfgang Hohlbein), hatte also auch was mit Literatur zu tun. Aber ich mochte bzw. mag die Herausforderung, ein Bild oder eine Szene, die man im Kopf hat, dann mit den technischen Möglichkeiten umzusetzen.

8. Welche Autoren haben Sie bisher inspiriert?
Peter Rühmkorf, Erich Fried und Reiner Kunze. Friederike Mayröcker auch. Mascha Kaleko und Hilde Domin sowie Ernst Jandl im Vorbeiblättern. Ich weiß aber kaum etwas über die Charaktere oder die Menschen hinter den Werken (außer bei Rühmkorf).

9. Lieber Taschenbuch oder gediegene, gebundene Ausgabe mit elegantem Lesebändchen?
In der Regel stehen hier Taschenbücher rum.

10. Wenn Sie etwas aus Goethes Zeit in unsere heutige Gesellschaft integrieren könnten, was wäre es? Und was würden Sie aus unserer heutigen Zeit verbannen?
Verbannen aus unserer heutigen Zeit würde ich die Goethe-Hörigkeit und den Stellenwert, den man dem kalten, schreibenden Geheimrat hierzulande immernoch beimisst, und dafür integrieren müsste man seinen um ein vielfaches kreativeren, lebendigeren Zeitgenossen Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter), der irgendwie ausgeblendet bleibt. – Und wenn ich jetzt halluziniere, dass man heute Smartphones abschaffen sollte, werde ich womöglich für verrückt abgestempelt wie der Werther zu Goethes Zeiten. Dabei ist es die global grassierene Sucht nach genau diesen Geräten, die seit rund einem Jahrzehnt unsere Gesellschaften in zunehmender Gleichgültigkeit pulverisiert und die Menschen wieder zu unmündigen, denkfaulen Bedienäffchen degradiert. Die Neurowissenschaften bestätigen diesen Trend mittlerweile, drücken sich aber natürlich anders aus.

11. Sie machen auch Taekwondo und Yoga. Gibt es da eine Verbindung zu ihrer schriftstellerischen Tätigkeit?
Nein, gar nicht. Es schreibt sich nämlich schlecht, während man einen doppelten Dreh-Kick springt oder im Abwärtsschauenden Hund verharrt :-) Was stehen denn noch so für Fragen auf Ihrem Zettel?

12. Welche alternativen Medien- und Literaturprojekte würden Sie empfehlen?
Da ich kein auch nur annähernd sichtbares Teilchen irgendeiner Literatur- und Medienlandschaft bin, und zudem fast asketisch zurückgezogen mich an keinen „alternativen“ Literaturprojekten beteiligt habe, noch überhaupt von welchen weiß, kann ich mich dazu gar nicht äußern. Verlage und Verleger, denen ich bisher Texte zusandte, haben abgelehnt, und die Literaturzeitungen, die etwas von mir gedruckt haben, existieren mittlerweile nicht mehr.

13. Was sind Ihre nächsten Projekte?
Ich werde mir eine Kanne masala chai kochen und sie, im Schlafsack auf dem Balkon sitzend, trinken, bis die Sonne untergeht. Weiter weiß ich noch nix.