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Angeheitert vom Wein im Café Rix fanden wir uns neulich kichernd auf der von langen Baustellen mittelprächtig verkehrsberuhigten Karl-Marx-Straße wieder. Feucht-kalt wischte uns der Januarabend über die Gesichter. Das bullige Rathaus Neukölln schwieg sich aus. Billige Leuchtreklamen geschlossener Import-Export-Läden blendeten in den Augenwinkeln; die Bürgersteige fühlten sich doch schon etwas wattig unter den Füßen an…? / Wollte jetzt etwa schon jeder nach Hause? — Wer meint, vor elf ins Bett gehen zu müssen, ist ein Halunke! / Jemand schlug vor, man könnte hier die Boddinstraße hochgehen und in eines der Cafés einfallen.

Als gebürtigem Neuköllner war mir die Entwicklung „meines“ Bezirks, den ich zum Studium endlich verlassen hatte, entgangen. Ich wusste zwar von der Gentrifizierung des Schiller-Kiezes, und wenn ich meine Eltern besuche, die oben auf der Hermannstraße immer noch wohnen, sehe ich, was sich um mein altes Zuhause herum veränderte – zum guten und zum schlechten: Denn trotz allen Angesagtseins hat Neukölln die Kurve immer noch nicht gekriegt. Abgeranzt an jeder Ecke. Die jungen Zugezogenen, in deren Tross ich gerade mitlief, fanden das aber weniger störend, sondern eher abenteuerlich-verrucht, authentisch und spannend. Na, wir sprechen uns nochmal in zehn Jahren…! Jedenfalls war ich als weggezogener und ausgehunfreudiger Neuköllner nicht im Bilde, welche Läden es überhaupt gab und was man für angesagte Locations hielt…

Nachdem wir in die Boddinstraße eingebogen waren, wurde ich dann — ungefragt und ungebeten — Fremdenführer durch die Straßen meiner Kindheit. Hier unten war früher ein Burger King drinHier in der Hermann-Boddin-Schule bin ich in die Vorschule gegangen. Zwanzig Meter weiter: „Hier wurde mir mal eine Spielfigur, die ich mir gerade von meinem Taschengeld bei Hertie gekauft hatte, von drei etwas älteren Jungs abgezogen.“ (mit Tränen in den Augen und ohnmächtiger Wut im Herzen bin ich damals nach Hause gekommen!).

Wir drängten uns ins Twinpigs (Ich: „Sowas Hippes gab’s hier früher nicht!„) und konnten uns vor lauter Musik kaum übern Tisch hinweg unterhalten. Nach einer Stunde stießen wir ins Horn und liefen weiter die Boddinstraße hoch: Auf dem Boddinplatz ließen schon damals alle Hundebesitzer der umliegenden Straßen ihre Köter auskacken; auch unsere Micki ließ hier ihr Häuflein fallen. In der Boddinstraße lernte ich auch, dass ein Parkplatz geradezu einen materiellen, gegenständlichen Wert zu haben scheint, denn praktisch immer, wenn wir mit dem Auto nach Hause kamen, seufzte mein Vater über das Warten und Hoffen auf eben einen freien Parkplatz. Ja, das Wort Parkplatz an sich ist bei mir im Hirn mit der Boddinstraße verknüpft.

Jemand schlug vor, ins Tannenbaum zu gehen, da würde vielleicht getanzt werden. Zuerst liefen wir aber in die falsche Richtung, und vor der Hausnummer XYZ konnte ich freudig mitteilen, dass das hier eben „mein“ Haus war/ist und dass meine Eltern eben hier im zweiten Stock wohnen. „Das hier war mein Zuhause, hier seht! das Klingelschild: Laatsch“. — Fanden sie alle spannend und witzig. Wir liefen dann in die richtige Richtung, in Richtung Biebricher Straße — Ich: „Das hier war früher mein täglicher Schulweg!“ — Hinter einer schmalen und schäbigen Aluminiumtür klemmte dann das Tannebaum. Zu meiner Zeit war das ein simpler, unattraktiver Asia-Imbiss, den ich nie betreten hatte. Die Tür war bestimmt noch von damals, und nun stand ich inmitten der internationalen Expat-Szene, die rauchend und local crafted beer trinkend für weitere Unternehmungen vorglühte: Wo Berlin am wenigsten urtümlich ist, hat es den meisten Zulauf und alle finden es cool. Und uns Berliner kotzt es schon länger an, uns ständig die ganzen Definitionen über unsere Stadt anhören zu müssen: Was Berlin alles ist, was es alles nicht ist, warum man her zog und warum man hier bleibt, obwohl es nicht schon schön wie in Freiburg, Bonn, Hamburg oder Hannover ist…

Der Wein stieg mir zu Kopf, ich kam ins Labern. Ich fand die Toilette, meinen Rucksack, meinen 104er Bus. Die Januarnacht nieselregnete auf mich herab, „mein Neukölln“ gab es in großen Teilen noch; Guidos Fahrradwelt zum Beispiel, und das Spielcasino an der Flughafen- Ecke Hermannstraße. Meine Eltern werden bald die Wohnung, die das Zuhause meiner Kindheit war, hinter sich lassen und an den ruhigeren Stadtrand ziehen — ein überfälliger Skandal in unserer Familiengeschichte, der mich melancholisch stimmt: Das ist der Lauf der Zeit, und damit habe ich so meine Probleme.