Schlagwörter

, , , , , , ,

Ein ganz persönlicher Psychothriller inklusive Selbsttäuschungen und Seelenstrips

 

 

Vorrede
Wer Rockmusik im weitesten Sinne goutiert, kennt die Gitarrenverstärkermarke MARSHALL. Marshall ist eigentlich auch sonst jedem ein Begriff, und wenn auch nur von den schwarzen Kopfhörern, die man draußen auf vielerlei Eierköppen sieht. Ohne tiefer in die Materie einzutauchen, aber Marshall-Amps gaben der Rockmusik erst ihren Sound, ihren Klang, ihre Wucht, ihre schiere Lautstärke. Und ihren Look: Schwarze schwere Kästen, am hinteren Bühnenrand gerade so noch im Scheinwerferlicht erkennbar, rot leuchtende Lampen signalisieren: kampfbereit – und der weiße Marshall-Schriftzug auf allen Elementen: Wer auf Rockkonzerte geht – ob in einen Club oder ins Stadion – wird selten keinen Marshall-Verstärker auf der Bühne erblicken. So gut wie alle Größen der Rockgeschichte spiel(t)en über Marshall-Amps; und wer als Gitarren-Neuling einen Verstärkerkauf erwägt, denkt wohl zuerst an Marshall. So auch ich, nachdem ich ein anderes Gerät nach langen Jahren Benutzung verscherbelt hatte. – Gut, das hätten wir geklärt.
So. Abgesehen von den den diversen Konkurrenzfirmen (Fender, Vox, HiWatt, Hughes&Kettner, Peavy usw usf.) gibt es auch noch die Firma ORANGE, deren Verstärker in orangefarbenes Tolex eingekleidet sind, die ab den 70ern bei vielen Acts sehr beliebt waren und die eben auch in der härteren Spielart Verwendung fanden – z.B. bei Black Sabbath und Led Zeppelin. – Totschick, diese orangenen Kisten, sag ich euch! Sehen aus wie aus nem Kraftwerk entwendete Kontrollpanele. Heiße Scheiße! Und teuer. Orange hatte es damals als Neuling unter den oben genannten etablierten Verstärkermarken etwas schwieriger, im Business Fuß zu fassen, dabei avancierte der Londoner Verkaufsladen gleichzeitig schnell zu einem beliebten Treffpunkt der damaligen Gitarristen-Szene…

Psychedelisches Orange oder mystisches Schwarz? Das ist hier die Frage…

1. Marshall über alles (?)
Mein erster Marshall-Verstärker also war nun ein in die Jahre gekommener MG30DFX, den das Gitarren-Ausnahmetalent (und mein erster Gitarrenverführer) Dave Simpson hier eindrucksvoll vorführt. Ich stöpselte meine paar Effektpedale ein und erfreute mich am Klang und Aussehen (!) meiner professioneller wirkenden Gitarrenecke. Um jedoch etwas gleichwertiges von Orange zu besitzen, fuhr ich an einem bitterkalten Märztag quer durch die Stadt und erstand einen Orange Crush 20 RT, einen kleinen Übungsamp, der richtig Wumms unter der Haube hat und mich bis heute jedesmal grinsen lässt, wenn ich ihn anschließe. Ich besaß nun also von beiden Marken je einen Amp, und hätte damit ein bescheidenes Leben leben können. Der Frühling konnte kommen, oder? Naja.

Nach einer Weile jedoch schlich sich der Gedanke ein: Warum nicht etwas besseres spielen, hä? Ebay-Kleinanzeigen, der zweite Verführer, ist schnell bereit zu helfen. Im Sommer deselben Jahres verkaufte ich den MG30 für freche 100 Euro an einen schwitzenden Ex-Junkie und erstand von einem bornierten Flötisten (sic!) einen Marshall AVT100 (wobei die Zahlen hier immer die Watt angeben, also oben 30 Watt oder jetzt hier 100 Watt, wobei 30 Watt schon zuviel fürs Wohnzimmer sein können! Wohlgemerkt: er geht hier um eine Macke. Meine Macke!). Mit dem AVT100 hatte ich jedoch das Problem, keinen vernünftig knorr-knarzigen Rocksound eingestellt zu bekommen, alles klang abgemildert, weichgebuttert, soft., fisselig. – Las ich im Netz Besprechungen über die Geräte, die anschaffte? Gewiss, jedoch oft erst hinterher… – Und sowohl die MGs als auch die AVTs kommen im Allgemeinen nicht besonders gut weg, eben weil der Sound zu wünschen übrig ließe. Trotzdem gab ich einem weiteren Marshall eine Chance, und zwar dem MG100HDFX Halfstack von 2004 – da Dave Simpson standardmäßig dieses Exemplar spielt und damit so rockgöttlich klingt wie die Mischung aus Jimi Hendrix und John Frusciante. Mein Vater und eine Arbeitskollegin halfen mir verständnislos bzw. mitleidig beim Transport und beim Hochwuchten der fetten, schwarzen Anlage, und über Winter standen in meinem Zimmer zwei schwarze Marshall-Ungetüme und die kleine Orangenkiste. Und ich war endlich stolzer Besitzer eines „großen“ Marshalls, mit dem ich nun locker eine ordentliche Turnhalle beschallen konnte:

Marken-Wahnsinn 1

Reklameschriftzüge im Wohnzimmer

Den AVT100 (links) verscherbelte ich im kommenden Frühling immerhin verlustfrei (höhö!) an zwei kurzrasierte Proleten aus dem Spreewald, die – dem Aussehen nach – wahrscheinlich Onkelz-Musik nachschrammeln wollten, oder watt weeß ick…

2. Oder doch lieber Orange? Der Virus schlägt zu
Die Marshall-Verstärker umgibt eben diese maskuline Aura des Rock. Can’t help it. Die Dinger riechen nach Bühne, nach langen Haaren und langen Nächten, nach Attitüde eben. Ich fand aber die Orange-Vestärker nachwievor optisch hübscher. Besser und frecher als die schwarzen Marshall-Kisten. Und vor allem: irgendwie passender zu mir. Und klanglich, sofern man das in Youtube-Videos erkennen konnte, ebenfalls. Ihr seht schon, hier schlägt das Psycho-Pendel hin und her und hin und her und hin und her: Marshall oder Orange? Eigentlich Marshall. Aber eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange? Eigentlich Marshall. Aber eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange? Eigentlich Marshall. Aber eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange? Eigentlich Marshall. Aber eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange? Eigentlich Marshall. Aber eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange?

Chuck Berry spielte oft zwei Stunden in dieser Position, nur damit man seinen Orange-Amp besser sehen konnte. Was für ein Freak.

Ich schaffte mir ein echtes Sparschwein an und sparte kindlich mein Geld zusammen, bis ich mir eines schönen Tages (im Sommer 2019 war‘s) den allgemein hochgelobten Orange CR120 Head bestellte. Der saß dann oben auf dem großen schwarzen Marshall drauf –

Und hier beginnt die dritte, wirklich abstruse Phase meiner Macke: Die Gesamterscheinung war mir nun noch immer nicht orangig genug!

Der Orange CR120 Head hatte noch nicht seinen Fabrikgeruch verloren, da kaufte ich in Friedrichshain eine kleinere orangefarbene Lautsprecherbox mit zwei Lautsprechern drin – und damit hätte es eigentlich wieder einmal ein Ende haben können. Hätte! – Ha!

Scheinfrieden auf dem Familienbild. Aber im Kopf brodelte es weiter.

Ich meine, ich war da Mitte dreißig, nicht zwölf! :)

 

 

Was tat ich also? WAS TAT ICH?! Ich nahm die schwarze Marshall-Lautsprecherbox auseinander und sprayte sie orange an, damit mein Orangevestärker einen großen (!) gleichfarbigen Unterbau hatte und eben der Marshall schwarz dazwischen ruhte.

Orange angesprühte Marshallbox mit ausgedruckten Orange-Logos

Gleichwohl wusste ich natürlich jederzeit, dass es sich nicht um eine echte Orange-Lautsprecherbox handelte, sondern eben – na genau! – um etwas, das nur ungefähr so aussah wie von Orange. Die Originalbox kostet neu ganze 1.000 Euro; eine Spraydose hingegen nur 3,95 Euro. Rechtfertigen wir diesen Schritt also als ästhetisch-psychologische Versuchsanordnung: „Wie sähe es denn aus, wenn hier eine große Orange-Kiste stünde…?“ Der Wahnsinn brach sich Bahn. Ich litt!

 

 

3. It‘s all about looking good
Meine orangefarbene Marshallbox überzeugte mich natürlich schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Ich fuhr abermals zum Graffitiladen an der Yorckstraße, kaufte Mattschwarz und sprayte das Ding zurück auf Marshalls Mattschwarz. Ah, Erleichterung! Wer will sich schon selbst verarschen, gell? Ohnehin sah es doch ganz gut aus in meiner Gitarrenecke: Der Orange stand auf einer kleineren orangenen Lautsprecherbox, der Marshall wieder auf (s)einer schwarzen, alles Musik und Frieden, Freude, Eierkuchen.

Zurück von Orange auf Mattschwarz

(Oh ja, nein, genau: Die ganzen Albträume der Modifikationen an den Geräten – die Umbauten und ästhetischen Neu-Arrangements in der Gitarrenecke sowie etliche Nebenanschaffungen und Verkäufe unterschlage ich hier aus Platzgründen. Es ist zum Schmunzeln und zum Heulen!).

 

 

4. Mariniert in Hundekacke
Es war just zwischen den Jahren 2019 und 2020, als bei Ebay-Kleinanzeigen jemand völlig runtergerockte Lautsprecherboxen von Orange aus dem Bestand der deutschen Band „Jennifer Rostock“ anbot (furchtbare Musik, wenn man mich fragt!). Wie gesagt, eine solche Box kostet im Handel ab 1.000 Euro, und nach wochenlangem Hin- und Her-Geschreibe erschien ich eines Tages im Januar 2020 mit einer Sackkarre auf einem Industriehof in Süd-Neukölln und kaufte für 350 Euro eine Lautsprecherbox von Orange. Ein Original. Handmade in UK. Echte 50 Kilogram schwer (Was habe ich geflucht beim Hochwuchten in die Wohnung!). Doch warum, fragt ihr euch, war das Ding so vergleichsweise günstig? Nun, die Band hatte entschieden, ihre schönen orangefarbenen Orange-Verstärker in einem abscheulichen glitzerbraunen Bronze-Ton anzusprayen! Ganz genau: Anzusprühen! Ich war also nicht der erste Bekloppte, der auf diese Idee gekommen war. Das beruhigte mich. Für einige Sekunden. Die Box, um die es hier geht, sah also aus wie in Hundekacke mariniert, anders kann ich es nicht beschreiben. Ein elendiger Anblick:

Auf so eine Idee können ja wirklich nur Idioten kommen!

Es dauerte ganze anderthalb Stunden, bis ich mit der Box auf der Sackkarre zuhause ankam, und nochmals eine gute halbe Stunde, bis ich sie auf den Dachboden zum Überlackieren geschafft hatte, denn, das war ja klar: Ich stelle mir keine glitzer-bronzefarbene Puff-Box von Jennifer Rostock ins Zimmer!

Nüchterner Abriss der Geschehnisse: Die Neulackierung auf dem zugigen Dachboden in fast originaler Farbgebung gelang mir ganz gut. Mein Herz schlug langsamer. Der Farbgeruch verflüchtigte sich über Nacht.

Es standen dann längste Zeit der schwarze Marshall-Verstärker und der orangefarbene Orange-Verstärker friedlich koexistierend nebeneinander und nahmen verdammt viel Platz weg:

Springt einem ins Gesicht und in die Ohren! What a beauty!

Die rechte und die linke Faust des Teufels waren jederzeit einsatzbereit. Was für ein Allmachtsgefühl überkam (und überkommt) mich beim schieren Anblick der beiden Apparate!

Doch irgendwann sind zwei ausgewachsene Bühnenvestärker im Wohnzimmer doch zuviel, und, Hand aufs Herz, der Orange klingt deutlich besser als der Marshall. So verkam letzterer zusehens zur reinen Dekoration, zum Ersatzknochen.
Nach langem Ringen steht zur Zeit nur noch der fette geile Orange allein an der Wand, und der Marshall ist erstmals bei Ebay-Kleinanzeigen inseriert. An Selbstabholer. Wenn ein Käufer kommt, werde ich trotzdem schwer schlucken müssen: Keinen Marshall mehr im Hause zu haben ist auch keine Lösung. Die Macke gibt keine Ruhe, das Psycho-Pendel schlägt bald wieder aus: Eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange? Marshall? Eigentlich Orange. Oder doch Marshall? Oder doch Orange? Marshall oder Orange?