Der Herbstabend flutete an den Tagesrand: Wäldliche Feuchtigkeit hing in der Luft, das Tageslicht ließ schon nach. Rotgelbe Hecken drängten sich ineinander. In stehenden Gewässern vermehrte sich Entengrütze lautlos. Krähen flogen ob letzter Besorgungen durch den sanft einsetzenden Nieselregen. Mond ließ sich keiner blicken; ’s war’n zuviele Wolken.

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Wo finden Sie soetwas noch, frage ich Sie?“ – Sein Haus stand nämlich unter einer mittelalten Eiche und war verwinkelt und eng: Gedrungen und kantig von außen wie zwei hochkant aneinander gestellte Tortenstücke, vollgestellt und luftknapp von innen (Aber alles picobello aufgeräumt! Die Bücher Ecke auf Ecke, und die unzähligen Fotorahmen an den Wänden wie mit der Wasserwaage ausgerichtet!). Wo man freie Schritte hätte gehen wollen/können, standen dekorative Vasen und Möbel oder eingezogene Wände stilvoll-keck im Weg. Möglichkeiten, sich den Ellenbogen anzustoßen oder versehentlich einen Bilderrahmen anzupendeln, gab es genügend.
Die bodentiefen Fenster glichen Schießscharten. Die Küche war ein weißer, vollausgestatteter Küchenschlauch. Im Wohnzimmer sah man auf matt getünchte Betonflächen, wo ein Fenster bitter notgetan hätte. Dafür gab’s an anderen Stellen einige Fenster mit Blick hinaus in dichte, tote Heckenwinkel. Weitblick überall gleich Null (Grundstücksgrenze in etwas mehr als einer Armlänge). Merkwürdig, ja mir schon verdächtig pathologisch, diese draußen wie drinnen völlige Abwesenheit von Weite oder wenigstens einem angedeuteten Bedürfnis danach.
Ein an die Wand gestelltes Piano musste als Präsentierteller für einige ihm ausgestellte Urkunden herhalten; darunter war eine (Now here we got him!), die 1944 vom „Reichskanzler und Führer“ daselbst unterschrieben worden war und den Reichsadler samt Hakenkreuz eingeprägte hatte. Nicht unbedingt etwas, mit dem man sich heutzutage von fremden Besuchern Ansehen erheischen würde.

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Rutschige und geländerlose Treppen gaben seiner verknitterten, katzenhaft lauernden Witwe täglich Hoffnung auf einige noch stillere Lebensjahre, doch der Hausherr himself (90+) lebte ewig und offenbar gänzlich im Dachgeschoss in seinem eigenen Rhythmus und Reich, eben unter seiner Eiche, inklusive WC und Laserpointer in (abstrahierter) Pistolenform. Schneidiges Lebensmotto übrigens: „Immer einen Finger am Abzug, Sie versteh’n?“ Und ob, Freundchen. Und ob!


Ein Don Quijote hing als Scherenschnitt über seinem Bett (Bettrahmen aus Marmor); Bemerkungen darüber verklangen ungehört in batterietoten Hörgeräten. Ja, er konnte sich jederzeit in seine Schwerhörigkeit flüchten und in unbequemeren Gesprächsverläufen den schon etwas erinnerungsstutzigen Greis herauskehren: Man kann die Nachteile des Alters auch in Vorteile verwandeln…