Archiv des Autors: Mario

Beiträge im Serpent #11

In der November-Ausgabe des kleinen Magazins Serpent finden sich folgende Beiträge von mir:

  • Ballade vom traurigen Zündholz
  • Von denen Saufkoeppen
  • Kranführer
  • Sich einen Reim machen

und das freut mich sehr.

Das kleine Schlucknipp-Drama

(erschienen im Serpent Magazin 10 4/21)

Eines Tages gegen die Mittagszeit erinnert ihn ein vornehm ziehendes Hungergefühl aus seinem beachtlichen Bauch an seinen irdischen, menschlichen Ursprung. Er seufzt und legt seinen Visconti Medici-Füllfederhalter beiseite… Griechisch soll es heute sein, beschließt er und wirft sein schwarzes, weit geschnittenes Sacko über sein für diese Jahreszeit (und überhaupt generell) zu weit aufgeknöpftes weißes Hemd, das tadellos gebügelt ist, bindet seinen schmalen, roten Seidenschal um und schlüpft in seine braunen Segelschuhe; er hat es ja nicht weit, nur schräg über die Winterfeldtstraße hin zu seinem Stammgriechen.
Seine Arbeitsutensilien, d.h. einige lose Blattseiten, sein Smartphone sowie die Creditkarte und einen Kugelschreiber führt er lose am Mann.

Auftritt beim Griechen
Durch die Tür eintreten mit einem für alle anwesenden Gäste hörbaren Ausatmen; ja diese Tür… Dass er sie noch immer selbst zu öffnen hat, gibt in seinem Gehirnareal für Restaurantbewertungen nachwievor einen Punktabzug.
Sich im Gastraum also seufzend umsehen ohne Blickkontakte aufzunehmen; im Augenwinkel jedoch registrieren, wer alles herübergezuckt hat. Sich aus dem Sakko pellen und es nachlässig über die Stuhllehne gegenüber des zu wärmenden Sitzmöbels abwerfen; den Schal jedoch verfügt er über die rechte Schulter, ergo unter das fleischige Ohr (mit Silbersteckerchen!). Natürlich allein einen Tisch für vier Personen in Beschlag nehmen.
Sich die Stühle alle etwas vom Leib rücken, damit er Armfreiheit hat. Bei dem Bauch braucht er allerorten Armfreiheit! Dann sich mit affektiert gespielt-überraschter Miene über die ihm freundlich hingehaltene Speisekarte wundern: Als wenn es das völlig Undenkbarste wäre, in einem Restaurant diese Art von Literatur aufgenötigt zu bekommen! Japsend also ausatmen, quittierend nicken. Die Karte sodann eingehend studieren, dabei mit gesenkten Lidern übern Brillenrand die Eintragungen abtasten; abwechselnd führt mal die wulstige Nase, mal das vorgereckte Doppelkinn den lesenden Kopf. Wie ein Studienrat anno 1922, der anhand einer leidigen Schülerarbeit den Zustand des Abendlandes abzulesen vermeint.

Die Bestellung gibt er auf, ohne Blickkontakt zu dem bei ihm stehenden Kellner aufzunehmen: Ein Aperitiv vorab, und einen Espresso bis zur Vorsuppe des Hauptgangs, bitte. Immerhin bitte!
Die beiden Getränke werden alsbald gebracht. Er nippt vom Aperitiv und widmet sich seinen losen Blättern, will sich in Rechnungen oder Berechnungen oder irgendsoeine Pseudoarbeit „vertiefen“. Gemäßigte, wohltemperierte Reduziertheit zeichnet seine Bewegungen aus; aristokratisches Beleidigtsein (er hält es für aristokratisch) gegenüber den Gegenständen: Den Kugelschreiber kurz mustern, wo denn nun vorn und wo hinten sei, ah so hm, andersherum halten.. Ist da ein Fussel auf dem Papier, was?…
Er wirft kontrolliert einige Zahlenreihen und Striche aufs blanke Weiß; auch hier führt mal das Kinn, mal die Nase. Dann legt er den Stift ab, fährt seine rechte Fleischhand zum Espresso aus und führt das Tässchen hin zu seinen obszönen Fettlippen…

Ein dreifach Hossa! Dem Käffchen wohnt Gerechtigkeitsgefühl inne. Es mag affektierte Wichtigtuer nicht. Wisset: Die Welt der Dinge und Getränke hält zusammen. Wie ein sich in die Asche zurückrettender Anti-Phoenix trifft der kleine Schlürfnipp Espresso den Eingang zur Luftröhre. Zeus‘ Donnerkeil entlädt sich in der Kehle des selbstgefälligen Überhannes. Es knallt ein kurzer, heftiger Huster wie ein Schuss, ein Ruck durchzuckt das Fett; der Rückschlag presst ihm den braunen Kaffee-Shot augenblicklich durch Nase und Mund hinaus auf Hemd, Hose, Tischtuch, Blätter, Kugelschreiber, Smartphone. Die Hustenbombardements legen los: Der Speiseherr läuft rot an, und während er um Contenance ringt, bemerkt er die Sauerei auf sich und vor ihm; er will schon fluchen, doch die Atemlängen erlauben ihm kaum, auch nur den Buchstaben K auszusprechen. Das bißchen Flüssigkeit rennt über den Tisch in alle Richtungen wie eine kleine Springflut, umräufelt die Salz- und Pfefferstreuer, benetzt die Speisekarte, befleckt sogar noch das Sakko. Die von innen pressende Hustenattacke ballert noch immer. Tränen — lange nicht gehabt, was?! — verwischen ihm den sonst dauerpräsenten Durchblick. Sein Fettnacken ist schon dunkelrot angelaufen. Er ringt diesen kleinen Todeskampf zu Tisch ganz allein, denn er gab und gibt nichts auf andere Menschen, er signalisiert also auch jetzt nicht, dass jemand ihm rettend auf das Fett über seinen Schulterblättern schlagen sollte (Die Kellner sind ohnehin gerade in der Küche). Was für eine falsche Abfahrt hat er bzw. der verhängnisvolle Schlucknipp Espresso da nur genommen?
Und nun: Der hellbraune Rest von Bohnensaft, der, mit Nasensekret angesalzen, noch zusätzlich in seiner Nase brennt, provoziert – auch das noch! – einen Niesreiz, der sich gern gewaschen hätte (Wer von uns wüsste nicht, wie solche aufgedunsenen Typen niesen können!). Und so kulminiert der lautstarke Teil dieser Ein-Mann-Darbietung dergestalt, dass noch draußen auf der Straße, jenseits der Fensterscheibe des Lokals, drei scheue Rehe tief beeindruckt ihren Gang kurz unterbrechen.

Sein weißes Hemd hat ein unappetitlich braunes Collier á la Sprenkelbatik bekommen. Die Tischdenke kannste für heute vergessen. Mit Servietten versucht er ungeübt, die Pfützen auf und vor sich trocken zu legen und abzudecken; bald ist der ganze Tisch mit braungesaugten Servietten ausgelegt. Servietten und noch mehr Servietten werden ihm gebracht. Mit jeder Serviette werden seine Atemzüge etwas länger; der Husten wird zum Hüsteln und dann zum schier endlosen Räuspern. Er kann sich, nach zehn Minuten endlich und mit den Händen wedelnd, dem Kellner erklären, aber wie er sich so verschluckt haben konnte, das sei ihm ein Rätsel usw. usw.

(Anfang 2019)

Nebelig

Der heutige Tag war eingerahmt von leichtem Nebel.

Morgens gegen halb acht stand ich, obwohl ich Nichtraucher bin, auf unserem Balkon in innerlich wie äußerlich sich lichtender Morgendiesigkeit, bei 4°C; die Novembersonne stand unmotiviert aber plfichtbewusst hinter den Häuserdächern in dünnen Wolken. Die Tauben auf einer nahen Fernsehantenne dösten döselich-taubig und verhandelten unter sich jede weitere Viertelstunde Sitzzeit. Rote Rücklichter reihten sich unten die 30er-Zone entlang, und schon vorn an der Ecke wurde die Sicht milchig, der Witterung wegen.

Der mit Rülpsern ausgelegte Tag schob sich ereignislos durch die Stunden, gegen 16:45 Uhr war schon wieder Dunkelheit anbefohlen, und in der ihr vorangegangenen, schnellen Dämmerung legte sich herbstliches Feuchtigkeitsgesprüh in die Seitenstraßen, Gehwege, Querwege und Hausflure, bis hinein in die Gedanken der nach Hause tuckelnden Berufstätigen. Der Schein der Ampellichter war milchig verwaschen, Reklametafeln sahen von weitem weit weniger aggressiv aus als sonst, die meisten Autos fuhren bedächtiger als gewöhnlich, doch der (Halb-)Mond als König aller Nebellampen ließ noch auf sich warten…
Ich mag Nebel.

Einen Titel finden

Größenwahnsinniger Eisverkäufer werden.
Kastanien bunt bemalen.
Einem Vampir einen Espresso spendieren.

Bodenbeläge benennen.
Den Keller in einen Märchenstall verwandeln.
Sich seine Wohnung mit Laub füllen.

Die Gedichte eines Kranführers herausbringen.

Eine Wiese mit Schritten durchmessen.

Ein Wörterbuch der Krähensprache edieren.

Sich frische Blumensträuße ins Bett legen.
Einen Raum mit Fellen auskleiden.


Eine Persönlichkeit wie warmes Brot haben.

Der Alte im Dach

Der Herbstabend flutete an den Tagesrand: Wäldliche Feuchtigkeit hing in der Luft, das Tageslicht ließ schon nach. Rotgelbe Hecken drängten sich ineinander. In stehenden Gewässern vermehrte sich Entengrütze lautlos. Krähen flogen ob letzter Besorgungen durch den sanft einsetzenden Nieselregen. Mond ließ sich keiner blicken; ’s war’n zuviele Wolken.

*

Wo finden Sie soetwas noch, frage ich Sie?“ – Sein Haus stand nämlich unter einer mittelalten Eiche und war verwinkelt und eng: Gedrungen und kantig von außen wie zwei hochkant aneinander gestellte Tortenstücke, vollgestellt und luftknapp von innen (Aber alles picobello aufgeräumt! Die Bücher Ecke auf Ecke, und die unzähligen Fotorahmen an den Wänden wie mit der Wasserwaage ausgerichtet!). Wo man freie Schritte hätte gehen wollen/können, standen dekorative Vasen und Möbel oder eingezogene Wände stilvoll-keck im Weg. Möglichkeiten, sich den Ellenbogen anzustoßen oder versehentlich einen Bilderrahmen anzupendeln, gab es genügend.
Die bodentiefen Fenster glichen Schießscharten. Die Küche war ein weißer, vollausgestatteter Küchenschlauch. Im Wohnzimmer sah man auf matt getünchte Betonflächen, wo ein Fenster bitter notgetan hätte. Dafür gab’s an anderen Stellen einige Fenster mit Blick hinaus in dichte, tote Heckenwinkel. Weitblick überall gleich Null (Grundstücksgrenze in etwas mehr als einer Armlänge). Merkwürdig, ja mir schon verdächtig pathologisch, diese draußen wie drinnen völlige Abwesenheit von Weite oder wenigstens einem angedeuteten Bedürfnis danach.
Ein an die Wand gestelltes Piano musste als Präsentierteller für einige ihm ausgestellte Urkunden herhalten; darunter war eine (Now here we got him!), die 1944 vom „Reichskanzler und Führer“ daselbst unterschrieben worden war und den Reichsadler samt Hakenkreuz eingeprägte hatte. Nicht unbedingt etwas, mit dem man sich heutzutage von fremden Besuchern Ansehen erheischen würde.

*

Rutschige und geländerlose Treppen gaben seiner verknitterten, katzenhaft lauernden Witwe täglich Hoffnung auf einige noch stillere Lebensjahre, doch der Hausherr himself (90+) lebte ewig und offenbar gänzlich im Dachgeschoss in seinem eigenen Rhythmus und Reich, eben unter seiner Eiche, inklusive WC und Laserpointer in (abstrahierter) Pistolenform. Schneidiges Lebensmotto übrigens: „Immer einen Finger am Abzug, Sie versteh’n?“ Und ob, Freundchen. Und ob!


Ein Don Quijote hing als Scherenschnitt über seinem Bett (Bettrahmen aus Marmor); Bemerkungen darüber verklangen ungehört in batterietoten Hörgeräten. Ja, er konnte sich jederzeit in seine Schwerhörigkeit flüchten und in unbequemeren Gesprächsverläufen den schon etwas erinnerungsstutzigen Greis herauskehren: Man kann die Nachteile des Alters auch in Vorteile verwandeln…