Ballade vom depressiven Zündholz

                (frei nach F. Mayröcker)

Treibholz einst, vergangene Fluten ebben ab in mir,
versuche ich das hoelzernmoegliche vor Anbruch der Nacht.
Schal draeugt mein schwarz-verkohlter Kopf über Brotlaibreste,
im Blumengrund schaelt sich ein Wurm. (Herr Jesus, deine Bueste fault.)

Nicht bey dir sein, dich missen muessen, ueberleben ohne dich: Reibung-
sflaeche im Kompost meines Gedankenspiels; Monde vergehen ohne einen Funken,
feucht garpt ein Kohlstueck im Ofen. HARZ schreibt’s übern Firn.

Kaltes Feuer im Nachgewand. Heimwaerts geht die Reyse in Saergen, und
ich kann dir nicht sagen, was mich kaputt gemacht hat.

O ich!

Wann entkomme ich dem ewigen Kreyslauf des Holzrezykelns——-?

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O-Straße

Wie nennt man ein Klassentreffen zu viert? – Irgendetwas zwischen forcierter Zufallsbegegnung und notgedrungener Zeitreise. ‚Let the good times roll‘ als Deppen-Quartett(?). Eine große Stadt, zwei ähnlich lautende Straßen, zwei gleichnamige indische Restaurants, und also eine Verwechslung, die, ohne größere Verwirrung verursacht zu haben, im Facebook-Äther verpuffte: Wer sowieso nicht kommen wollte, fragte auch heute Abend nicht nach, wo denn alle sind.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier — wobei Nr. 2 durch Nr. 5 ersetzt wurde — zu viert also saßen wir, eingequetscht in einer Touri-Klitsche in Kreuzberg bei Bier und Weißwein, und brachten es hinter uns.
„Nobody stays virgin, life fucks everyone“ war wohl das Motto. Gelacht wurde trotzdem. Draußen ab und zu Blaulicht. Unverbindliche Verabschiedung am Görlitzer Bahnhof als beide Zeiger senkrecht übereinander lagen. Da mir die U-Bahn vor der Nase entwich, lief ich durch die nieselnde Novembernacht in die O-Straße zurück und betrat gleichgültig die Frankenbar für ‚ein Schnelles‘. Mit meiner Machete hieb ich mir den Weg zum Tresen frei (Raucherkneipe) und gab ein Alster in Auftrag.

*

Ihre zu hoch gepushten Kindchen-Klunker fielen ihr fast aus dem Top; die ältlichen Herren am Tresen überwachten ihre berufsbedingten Bück- und Beuge-Übungen mit goutierenden Blicken aus u(h)rzeitlichen Guckschlitzen. Sie war sich dieser Blicke bewusst und der umso leichter eingeheimsten Trinkgelder sicher. – Was tat sie da mit meinem Alster am Zapfhahn – beschwören? Auffordern: ‚Mach hinne‘? – Nach drei Minuten stand das schaumige Gesöff vor mir und schmeckte nicht. Warum auch? – Monotoner Stonerrock durchdröhnte den beißend verrauchten Laden, und ich wollte heute abend wenigstens mal kurz mit einer Frau gesprochen haben, dachte ich mir. Zum Argwohn meiner spannernden Tresenkonkurrenten sprach ich die Zapfmaus an und fragte sie nach der gerade zu Gehör gebrachten Kapelle. Da sie mich ob der allgemeinen und spezifischen Lautstärke beim ersten Mal nicht verstand, beugte sie sich gefährlich weit zu mir vor – da wurden etliche Gläser in der Nachbarschaft kurz vor den faltigen Mündern abgebremst.
„SLEEP“, war die Antwort. „Waren auf dem Hellfest echt die Bombe!“, schob sie noch hinterher und ging wieder zapfen. Danke, wird notiert.
Gern würde dieser Bericht mit einer Pointe enden, doch das war schon alles. Verlegenheitsgespräche mit Wirtshauspersonal gehören nicht zu meinen Stärken. Ich sattelte so denn die Hühner und ging nach Frischluft. Vorbei an Smartphonezombies, Aggro-Türken und müden Polizisten.
Merkwürdig unzusammenhängender Abend…

Wegwerfmode

Auf der Suche an anziehbarer Psychedelia klapperte ich heute auf dem Ku’Damm die allseits bekannten und allerorts angesiedelten internationalen Volksausstatter ab. Ich suchte ein rot-bläuliches Hemd in Paisley-Musterung, weil meine Großhirnrinde in ebendieser Struktur gefasert zu sein scheint. Und wer weiß, manchmal findet man an unerwarteter Stelle genau so ein Hemdchen. Doch während in den Damenabteilungen die ursprünglich aus Indien stammenden Boteh-Muster (also die Tränen-, Tropfen- und Komma-Formen) nur so ineinander flossen, war davon in den Herren-Etagen keine Spur zu finden.
Was einem die Großkonzerne zum Ankleiden anbieten, tendiert stark in Richtung Verhöhnung: Verhöhnt werden die Arbeitskräfte, die unsere Klamotten produzieren; verhöhnt werden Grenzwerte zur Chemikalienverwendung und Umweltbelastung; und verhöhnt werden letztlich die kaninchenäugigen Konsumenten, denen diese grellbunten Lappen zu überteuerten Billigpreisen hingehalten werden – ihr habt die Wahl: Nuttig glänzende Pocken, bonbonfarbene Pest und proletarische Cholera. Daneben gibt’s noch biederen Artigkeits-Krebs und Unterhosen mit aufgedruckten Comicstrips (für ‚Erwachsene‘). Das Angebot für den internationalen Langeweile-Durchschnitt. Erschreckend. Zum Kotzen.
Nimmt man zu dieser grellen wie einfallslosen Mainstream-Mode noch die im Fernsehen angebotenen Unterhaltungswahrheiten, das Dicounter-Futter und den omnipräsenten Dudelfunk dazu, kommt schon eine ganz ansehnliche Otto-Normal-Hölle zustande, von der fernzuhalten es sich lohnt! Das grinsende System, das uns lockt und ablenkt. Die Maschine läuft wie geschmiert. Uns geht’s gut. Oder?

Riposte

Auf dem Wochenmarkt am Maybachufer sprach mich heute die unterbezahlte Ansprecherin eines Ökostrom-Lieferanten an: Man müsse über umweltverträglichen Ökostrom sprechen! Mit mir. Ausgerechnet heute. Jetzt. – Ich brummte nur. Doch sie blieb nicht etwa an ihrem Ständchen stehen, sondern lief rechterhand neben mir her und ließ ihren auswendig gelernten Marketing-Psalm ab. Der Bio-Strom von Konkurrenten sei ja zwar schon nicht schlecht, aber der Sonne-, Wind und Scheiße-Strom von XYZ sei wirklicher, echter und zu hundert Prozent realer Ökostrom vom Kraftwerk bis zur Dose.
Ich gab zu Protokoll, hier im Gehen und Stehen nix zu unterschreiben. Sie, rhetorisch basisgeschult, gab, schon leicht gereizt, zurück, nein, das verlange sie ja gar nicht; – alles was sie verlange, sei „ein nettes Gespräch und dann noch ein zweites nettes Gespräch…“ Ich äußerte, ich sei heute aber leider überhaupt gar nicht gesprächig; und außerdem: „Man muss den billigen Atomstrom unterstützen, solange es ihn noch gibt!“ – Ihre hier einsetzende Schnappatmung gab mir die nötigen zwei Schritte Abstand…

Afghanischer Staub, afghanisches Gold

„It is important for those living in the industrial world to develop an appreciation for the cultures that are sustainable, to learn to see beauty and survival in a world where people raise their own food, walk, pray, and live in families. Living at the crossroads of Asia, the Afghans have watched empires come and go and civilizations rise and fall. Before the recent invasions, the Afghans were exporting food with a near-zero carbon footprint. They have as much to teach us as we have to teach them.“

Mit diesen Worten eröffnet Luke Powell seine 214-seitige Sympathie-Bekundung, wenn nicht gar Liebeserklärung für ein Land, über das in unserer westlichen Hemisphäre wohl systematisch negativ, nämlich immer in Zusammenhang mit Gewalt im Inneren oder gegen die Besatzungsmächte, berichtet werden muss: Afghanistan.
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