Ausgesetzte Bücher (2)

Heute verließen das Haus:

Helge Timmerberg – Die rote Olivetti
Aussetzungsgrund: „Warum ich so gut bin. Warum ich so geil bei Frauen ankomme. Wie ich mich koksend durch Havanna vögelte und dabei meine Seele verlor.“ – Heutzutage verrutscht ihm in Interviews das Gebiss deutlich hörbar, und sein zum aufgeweichten Brötchen verkifftes Sprachzentrum beschert dem Leser – hands down! – auch nur durchschnittlichstes, runtergerotzes Geschreibe ohne wirklich eigenen Stil. Trotz zig Jahrzehnten Berufsschreiberei. Hit the road, Jack, and don’t you come back no more…

Helge Timmerberg – Das Mantra gegen die Angst
Aussetzungsgrund: s. oben, plus dass er hier nun gar nix mehr mitzuteilen hat, außer, dass es in Nepal regnet und seine Versuche, einen vor Jahrzehnten getroffenen Sadhu/Yogi noch einmal zu treffen, scheitern. Bis eines Tages… – Nä! 176 Seiten, davon 130 überflüssig. Zeigt, dass man, sobald man einen Namen im Kulturbetrieb hat, von sich geben kann, was man will, es wird einfach gedruckt und verkauft. – Tschö mit ö!

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Ausgesetzte Bücher (1)

Was ich mit Tieren niemals machen würde, tue ich in regelmäßg-unregelmäßigen Abständen ganz gern mal mit Büchern: aussetzen. Meist im Pappkarton mit dem üblichen, aber überflüssigen Hinweis „Zu verschenken“, meist ein paar Meter weg von der eigenen Haustür, aus Gründen.
Und der nächste Umzug kommt bestimmt; mit sechzig (sic!) Bananenkisten voller Bücher wie beim letzten Mal möchte ich nicht erneut rumpuckeln.-
Nu denn, was heute auf der Straße landete:

Christoph Ransmayer – Die letzte Welt
Aussetzungsgrund: Schullektüre der 12. Klasse (anno 2001); dieser Tage wegen trügerischer, verblasster Erinnerungen an fieberwahnhafte Halluzinationsbilder noch mal durchgelesen – und nun reicht’s aber auch mit seitenweisen Gestein-, Gebirgs- und Verfallsbeschreibungen. Und eine eindeutige Vergewaltigung als „Liebesnacht“ zu betiteln (Protagonist Cotta „aus Liebe“ an der scheuen Echo) geht eben doch irgendwie gar nicht, Hochbildungsbürgertumslektüre hin oder her!

 

Ovid – Metamorphosen
Aussetzungsgrund: Nie gelesen, nie reingekuckt. Man „genießt“ aber Ransmayrs „Letzte Welt“ wahrscheinlich um Längen, wenn man seine Figurencharaktere aus dem Ovid her kennt. Go fuck yourself.

 

 

 

TC Boyle – Drop City
Aussetzungsgrund: 2007 in einer Woche durchgelesen, gute Eindrücke gesammelt von der Doppelmoral einer Hippiekommune, dennoch seitdem nie wieder in die Hand genommen.

 

 

 

Thomas Kapielski – Sämtliche Gottesbeweise
Aussetzungsgrund: Obwohl er vor der Jahrtausendwende u.a. (wie ich) in der Neuköllner Hermannstraße gewohnt zu haben scheint und durchaus pointenreich das Leben in der geteilten Stadt vor ’89 zu schildern vermag, — mit all den verrückten Sachen, die man damals ungestraft machen konnte als besoffener „Bohemian“ — geht mir sein hochgestochen-trotteliges Schwadronieren auf den Senkel. Von eigentlichen Handlungshölzchen schweift er auf Unter- und Unterunterhandlungsstöckchen ab und verliert sich in Banalitäten, die jeder, der wirklich etwas mitzuteilen hätte, ausgeblendet ließe.

 

Hermannstraße/Boddinstraße

Angeheitert vom Wein im Café Rix fanden wir uns neulich kichernd auf der von langen Baustellen mittelprächtig verkehrsberuhigten Karl-Marx-Straße wieder. Feucht-kalt wischte uns der Januarabend über die Gesichter. Das bullige Rathaus Neukölln schwieg sich aus. Billige Leuchtreklamen geschlossener Import-Export-Läden blendeten in den Augenwinkeln; die Bürgersteige fühlten sich doch schon etwas wattig unter den Füßen an…? / Wollte jetzt etwa schon jeder nach Hause? — Wer meint, vor elf ins Bett gehen zu müssen, ist ein Halunke! / Jemand schlug vor, man könnte hier die Boddinstraße hochgehen und in eines der Cafés einfallen.

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