Beissend gewürzte Kürze

Über das relativ junge Genre der Hindi-Kürzestgeschichte, die Laghukatha

Stellen Sie sich vor, Sie schlagen ein Witzebuch Ihrer Wahl auf. Sie finden dort viele kurze Texte, in denen eine Handlung bis zur Pointe vorangetrieben wird. Sie lachen oder schmunzeln zumindest. Warum lachen Sie? Weil am Ende des Textes etwas Unerwartetes beschrieben oder gesagt wird: Eine gewisse Überraschung ist also der Grund für das Amüsiertsein. – Eine durchschnittliche indische Kürzestgeschichte, eine Laghukatha (laghu: kurz, klein; katha: Geschichte, Erzählung), funktioniert im Prinzip ganz ähnlich, will jedoch nicht zum Lachen anregen, sondern zum Nachdenken über gesellschaftliche Zustände. So bleibt einem beim Lesen solcher Geschichten das Lachen meistens im Halse stecken.

Ab Mitte der 1950er Jahre schossen in der jungen Republik Indien Tages- und Wochenzeitungen nach britisch-europäischer Machart wie Pilze aus dem Boden. Einzelne Journalisten wiesen zwar in mehr oder weniger sarkastischen Artikeln auf politische Fehltritte hin, doch eine „große Klappe“ riskierten die wenigsten von Ihnen: Das riesige Land versuchte, zu sich selbst zu finden. Der Autor Sadat Hasan Manto beschrieb dann in außergewöhnlich zynischer und sarkastischer Sprache in seinen Schwarzen Notizen die Folgen der Teilung des Landes, vor allem die Unruhen zwischen den religiösen communities (= Hindus, Muslime, Christen etc). Mantos Episoden waren formal kurz und inhaltlich hart an der Schmerzgrenze, weshalb sie von einem Teil der heutigen Kritik als Vorreiter oder neu-deutsch: Impulsgeber für das Laghukatha-Genre gehandelt werden. – Wir überspringen die 60er Jahre und landen sogleich im darauffolgenden Jahrzehnt.

In den 70er Jahren wurde das Land geschüttelt von der Ölkrise, der Bangladesh-Krise, von Hungersnöten und von der Inflation. Premierministerin Indira Gandhi regierte das Land von 1975-77 mithilfe des ausgerufenen Notstands.
In dieser Atmosphäre politischer und gesellschaftlicher Spannungen begannen junge, in Hindi schreibende Autoren, die nach der Unabhängigkeit (und Teilung) des Landes geboren worden waren, auf die vielen Missstände hinzuweisen. In sehr kurzen Texten, die kaum länger als 350 Wörter waren, wurde mittels mehr oder weniger schockierenden Pointen versucht, den individuellen Leser, den „Durchschnittsmenschen“ zu erreichen, ohne den moralisierenden Zeigefinger zu strecken oder philosophische Gedankenkonstrukte darzulegen. Veröffentlicht wurden diese Texte in den auf Hindi erscheinenden Tageszeitungen. Sie waren jedoch nicht in einem journalistischen Stil geschrieben, sondern kamen in moderner Prosa-Form daher: Der Leser wird unmittelbar in das Geschehen hineingeworfen, doch im Unterschied zur modernen Kurzgeschichte (beziehungsweise zur englischen short story, die wiederum Modell stand für das eigenständige Literatur-Genre der indischen Kahani-Prosa) wird in der Laghukatha so gut wie alles weggelassen, was nicht unmittelbar zur Pointe hinführt. Beschreibungen von Räumen oder Landschaften sowie Charakterisierungen der auftretenden Figuren gibt es nur äußerst selten.
Die Protagonisten werden durch unterschiedliche Sprache gekennzeichnet, beispielsweise durch Dialekte oder die Verwendung von Kraftausdrücken. Gebildeter und/oder religiöser Kontext wird verdeutlicht durch Sanskrit-Begriffe; eine verwestlichte Mittelschicht bedient sich dem als moderner empfundenen Englischen, obwohl es Hindi-Äquivalente gäbe.

Das Themen-Spektrum der Laghukathas deckt alle erdenklichen Bereiche des gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens ab und könnte im Prinzip wohl auf jede Gesellschaftsform der Welt angewendet werden: Träge und an Schwachsinn grenzende Bürokratie, ausufernde Korruption, ein mangelhaftes Bildungswesen sowie die Missachtung der Menschenrechte sind keine Stempel, die nur auf den südasiatischen Raum gedrückt werden können. Spezifischer für Indien sind dagegen die vorherrschende Ungleichheit durch das noch immer in den Hirnen vieler Menschen existierende Kastensystem, die gewaltsamen Unruhen zwischen den Religionsgemeinschaften der Hindus und Muslime, sowie Hunger und grassierende Armut, die Hauptthemen der Laghukatha-Autoren.

Um denn den „kleinen Mann“ im Land, um den es in ihren Texten meistens geht, tatsächlich auch zu erreichen, bedienen sich die Laghukatha-Autoren verschiedenster Mittel der Veröffentlichung. Als Kind des Zeitungsjournalismus finden sich die Geschichten natürlich primär in Tageszeitungen. Ira Valeria Sarma, die 2003 eine umfassende Untersuchung des Laghukatha-Genres vorgelegt hat (s.u.), weist darauf hin, dass auch andere Veröffentlichungsformen gewählt werden. Da sind natürlich zunächst die zahllosen Anthologien, die seit Mitte der 70er erscheinen, zu nennen, doch diese richten sich in erster Linie an literarisch interessierte, also vorgebildete Menschen, die genug Geld zum Bücherkauf übrig haben. Interessanter ist die Sichtbarmachung der Laghukathas im öffentlichen Raum zum Beispiel auf Postern und Handzetteln (Flyer). Auch all jene im Land, die geradeso des Lesens mächtig sind, sollen erreicht und zum Nachdenken angeregt werden.
Ein Beispiel dazu aus Dieter Kapps zweisprachiger Anthologie Laghukatha Samgrah (s.u.):

Als ein Hund, der am Rande eines Dschungels stand, eine Kuh und ein Schwein
auf den Dschungel zu hasten sah, fragte er [sie] bestürzt:
„Ihr Lieben, warum habt Ihr es denn so eilig? Sind in der Stadt etwa Unruhen ausgebrochen?“
Da blieben die beiden stehen und blickten sich prüfend um. Dann sagte die Kuh, nach Atem ringend:
„Nein, noch nicht, aber es wird welche geben. Alle Vorbereitungen dafür sind schon getroffen. Nur nach uns wird noch gesucht.“

Diese Laghukatha des Autors Ujjval Barua trägt den Titel Unruhen. Die Protagonisten sind, wie wir sehen, in dieser Geschichte sprechende Tiere, womit Barua ein wesentliches Element der Fabel aufgegriffen hat. Doch die Tiere, die sprechen, sind keinesfalls zufällig gewählt: Den Hindus ist die Kuh heilig, während Muslime sie zum Verzehr schlachten; Schweine sind den Muslimen bekanntermaßen unreine Tiere (den Hindus übrigens auch; und beide Gruppen halten nicht viel von Hunden). Um eben Unruhen zu stiften, kann es in Indien schon einmal vorkommen, dass ein Kuhschwanz über eine Hindu-Tempelmauer und ein Schweinsohr über eine Moschee-Mauer geworfen wird. In der obigen Geschichte wird also impliziert, dass beide Gemeinschaften nach den jeweiligen Tieren suchen, um „endlich“ loslegen zu können, anstatt in Frieden miteinander zu leben. Wichtig zu bemerken ist, dass die Gesichte nicht zu Gunsten einer der beiden Gemeinschaften votiert. Nein, beiden wird in gleichem Maße dasselbe provozierende Verhalten vorgehalten, und das elegant indirekt. Es geht um das Unausgesprochene.

In einer anderen Geschichte wird beispielsweise ein Politiker nicht in ein Bordell eingelassen, da der Zuhälter befürchtet, seine Kundschaft könne ausbleiben, wenn sich herumspricht, dass ein so „Unberührbarer“ dagewesen sei. – In aller Regel, und so auch hier, wird die Politik als das dreckige, moralisch verkommene, eben „unreine“ Geschäft konnotiert, das noch unter der gesellschaftlich geächteten Prostitution angesiedelt ist. Gleichzeitig wird in gewissem Maße eine Kritik an dem Begriff der Unreinheit und dem Konstrukt der Unberührbarkeit geübt.

Noch ein Beispiel für die Adaption fabel-haft sprechender Tiere kann die abergläubische Katze sein, die eine Straße überqueren will, auf der Mitte der Fahrbahn jedoch zügig umkehrt. Von einer anderen Katze darauf angesprochen erklärt sie: Ein Mensch habe von rechts ihren Weg geschnitten.

In den meisten Laghukathas wird die indische Gesellschaft gezeichnet als scheinheilig, kalt, hart und von einer Ellenbogenmentalität geprägt (Man ist versucht zu fragen, welche Gesellschaft das nicht ist). Die Autoren lassen kein gutes Haar an ihrem Land. In den Geschichten sterben Menschen, weil sie jahrelang in der Schlange vor der Nahrungsmittel- oder Medikamentenausgabe zu warten haben. Oder: Da werden entführte Kinder von ihren Eltern aus schierer Not ihrem Schicksal überlassen, da es Jahre dauern würde, das erpresste Lösegeld zusammen zu bekommen, während ein „neues“ Kind binnen neun Monaten „zu haben“ ist. Oder: Straßenkinder sehen in einem Auto amerikanischer Marke ein Schoßhündchen auf dem Rücksitz sitzen und wünschen sich, ein solcher Hund (!) zu sein. Oder: Angehörige der reichsten Schichten weisen bettelnde Alte ab, werfen herumlungernden (oder ihren eigenen) Hunden jedoch die abendlichen Essensreste hin.
Auf solche und andere Verhältnisse wird, wie gesagt, auf textlich engstem Raum hingewiesen (Die oben von mir zitierte Laghukatha Unruhe hat nur 78 Wörter, meine dazugehörige Ausführung hingegen 157, und dieser ganze Artikel rund 1280). Bei einem guten Witz wird, wie ebenfalls eingangs angedeutet, die Spannung im Gelächter gelöst; in einer guten, beißend gewürzten Laghukatha muss man hingegen erst einmal schlucken, denn sie will nicht unterhalten, sondern aufrütteln.
Quellen

Weiterführende Literatur

Kapp, D.B.: Laghukatha-Samgrah. Eine Anthologie von Kürzestgeschichten. Aachen 2006.

Sarma, I.V.: The Laghukatha. A Historical and Literary Analysis of a Modern Hindi Prose Genre. Berlin 2003.

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