Betrifft: Die Zukunft der Indologie

Eine Polemik

„Eine gegenwartsbezogene Südasienforschung, die im Vergleich zu anderen Regionen diesen Namen verdient, ist in Deutschland momentan nicht vorhanden“, stellte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin bereits im Jahr 2001 fest. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Angesichts der wachsenden demografischen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Bedeutung des indischen Subkontinents, an dessen Rändern die deutsche Bundesregierung mittlerweile nationale Interessen zu verteidigen glaubt, ist dieser Befund ein Armutszeugnis. Den Zustand zu ändern ist das Anliegen des interdisziplinären Arbeitskreises „Neuzeitliches Südasien“, der im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde e.V. (DGA) am 10. Juni 2006 in Hamburg gegründet wurde. Es bleibt zu hoffen, dass von diesem Zusammenschluss schon möglichst bald einige belebende Impulse in die akademische Lehre einfließen, um die Ausrichtung der Fächer Schritt für Schritt zu modernisieren. Die derzeitige Lage der überwiegend klassisch indologisch ausgerichteten Fächer in Deutschland sieht nach meinem Empfinden wie folgt aus.

Die Indologie beziehungsweise Südasienwissenschaft in Deutschland ereilt dasselbe Schicksal wie den Großteil der anderen geisteswissenschaftlichen Fächer und vor allem der so genannten „Orchideenfächer“ – sie werden früher oder später ruiniert und ausgegliedert, denn sie alle forschen jenseits der derzeit geldbringenden, patentier- und vermarktbaren Bereiche wie zum Beispiel Biotechnologie, Gentechnik oder Informatik. Ihr fachspezifischer Tiefgang, beispielsweise das notwendige Erlernen von Sprachen wie Sanskrit oder Hindi, und die Mannigfaltigkeit, die sich unter dieser Oberfläche verbirgt, wird ihnen allmählich zum Verhängnis. Zwar gibt es seit den PISA-Studien vereinzelt wieder Parolen wie „Geist ist geil“, aber dieser Geist soll heutzutage bitte so schnell wie möglich mit dem Lernstoff gefüttert worden sein und ihn noch schneller verdaut haben. Wenn er das, aufrecht am Tisch sitzend und ohne Bäuerchen einigermaßen hin bekommt, erhält er dafür mittlerweile die so genannten „Creditpoints“ – für mich gleichbedeutend mit dem Stück Würfelzucker für ein Pony im Tiergehege.

Es scheint in den verantwortlichen Kreisen die Meinung vorzuherrschen, dass solche Nischenfächer kein Recht mehr auf eine Existenz haben, da ihre Forschungsergebnisse einerseits nur für eine verschwindend kleine Gruppe von Experten interessant seien, und andererseits eben diese Ergebnisse weder die Wirtschaft, noch die gesamte Menschheit „voran“ brächten.

Woher mag diese Einstellung kommen? Um eine Idee einer möglichen Antwort darauf zu finden, sollte man sich zuerst fragen, was ein Otto-Normal-Universitätsvorstand, seines Zeichens beispielsweise Professor für Mathematik, über Indien/Südasien weiß. Und dort steht der noble Herr Professor womöglich nicht mehr höher, sondern auf gleicher Stufe mit dem durchschnittlich gebildeten Bundesbürger: Indien? Ein Entwicklungsland irgendwo hinter Afrika, mit einer Menge dünner Menschen und ebensolchen Kühen auf den Straßen, einer Atombombe im Keller und einer Religion mit Tausenden von Göttern. Ach, ja – es gibt da eine handvoll Industriezentren , in denen die „Computer-Inder“ das Sagen haben.

Und da hört es wohl schon auf, was das allgemeine Indienbild angeht. Huch, irgendwo hörte man noch einen zitternden Grauhaarigen „Gandhi !“ rufen.

Neulich, zur Zeit der letzten Frankfurter Buchmesse gab es Zeilen und Titel zu lesen wie: „Indien entdecken!“ oder: „Indien – Land der Gegensätze.“ – Es kam mir vor, als würde man sich in Deutschland etwas verdattert die Augen reiben, als wäre man dabei, ein völlig unbekanntes Land im Heimat-und-Welt-Atlas wahrlich zu entdecken! Aber das ist es wohl tatsächlich: unbekannt! – Aber was bekommt man auch hierzulande über den Subkontinent an Informationen geliefert, wenn man nicht gerade Indologie oder Südasienwissenschaft studiert? Abgesehen von dem nicht mehr aktuellen Heftchen zur politischen Bildung sind es doch höchstens Meldungen über schwere Katastrophen, überdurchschnittlich grausame Terroranschläge oder mächtige Wirtschaftsangelegenheiten, die es ab und zu für ein paar Sekunden bzw. mit ein paar Zeilen aus dem Ticker in die Nachrichten schaffen. Natürlich darf der Ausgleich dazu auch nicht unerwähnt bleiben: Bollywood.

Zusammengefasst: Bunt und kitschig, dreckig und arm – so sieht Indien für den Laien gemeinhin aus.

Und zur Buchmesse, wurde man allerorten versichert: „O ja, die können sogar schreiben in Indien! Und zwar gar nicht so schlecht! Bekamen sogar schon Nobelpreise und zogen den Zorn gefährlich-rückständiger Religionsvertreter auf sich. Sieh’ mal einer an! Die Kultur ist übrigens auch schon ganz schön alt. Und hier noch ein paar extreme Fakten zum schmunzelnden Kopfschütteln.“

Die Fernsehsender arte und 3sat richteten ganz flott Themenschwerpunkte ein und ließen, wie auch die Hessen und womöglich noch viele andere Regionalsender, ihr gesamtes Arsenal an Indien-Dokumentationen der letzten drei Jahre auf die ahnungslosen Zuschauer los. Die staunten mit Kaninchenaugen – entführt von den Klängen fremder Musikinstrumente und umlullt von exotischen Rhythmen – dass auf den indischen Straßen tatsächlich die Kühe frei und unbehelligt herumstehen, sie sahen die Bilder des asiatischen Straßenverkehrs, sahen die Frauen in prächtigen Saris, die Männer entweder in Hemd und Hose oder in ein paar „Bettlaken“ eingehüllt, und zu guter Letzt durfte ein Schwenk auf das India Gate nicht fehlen. Ein Tempelpriester hier, ein Elefant dort, und die Reise an der Mattscheibe war komplett. Doch immerhin war Indien überdurchschnittlich präsent in dieser Zeit!

Nur nützte dieser mediale Wink mit dem Zaunpfahl und das ganze ehrfürchtige „Entdecken“ der Fernsehfuzzis der Indologie und der Südasienwissenschaft rein gar nichts, denn die erkalteten Herren Präsidenten und Mathematikprofessoren saßen zur Zeit der Buchmesse und der Indien-Tage in ihren Gremien und unterschrieben lechzend Förderverträge für die Nanotechnologie oder die Betriebswirtschafts“leere“. Und während von draußen ein ganz vorsichtiger, seichter, jedoch beachtenswerter indischer Wind an den silbernen und rostenden Laubenfenstern rüttelte und neugierig: „Lasst mich doch herein!“ rief, saß man drinnen über einem Papier voller Formeln und Zahlen und ergötzte sich an der Schönheit des Beweises.

Und nun? Der vorsichtige indische Wind hat sich vorerst aus den deutschen Gassen zurückgezogen und braut sich in seinen heimischen Gefilden zu einem mächtigen Sandsturm an, den man bei seiner nächsten Wiederkehr wohl kaum wird ignorieren können. Wenn es zu dieser Zeit keine südasiatischen Fächer mehr gibt, deren Absolventen auch den Standort Deutschland und dessen Beziehungen zu der Region stärken könnten, wird man vielleicht empörte Schreie aus Politik und Kultur hören: „Was, wir haben keine Fachleute für Südasien? – Ach, richtig, vor sieben Jahren abgeschafft.“

„Was geht uns Indien an?“, fragen sich dagegen heute die Gremienhocker und schreiben bei der Fördersumme für die Indische Philologie und die Kunstgeschichte Südasiens eine Null ins Kästchen, nicht wissend, wem sie diese Ziffer überhaupt zu verdanken haben!

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