Der Charme vergangener Zeiten

Das neuzeitliche Indienbild in Europa war über die längste Zeit hinweg von märchenhaft anmutenden Vorstellungen geprägt. Man denke beispielsweise an reiche indische Fürsten, die in riesigen und prachtvollen Palästen lebten und auf grandios geschmückten Elefanten ritten; turbantragende Bärtige mit einem stechenden orientalischen Blick, gekleidet in exotisch gemusterte, fremdartige Kleidung; ein feuchtwarmes Klima, das die Menschen zum Müßiggang anstiftet und Zeit als etwas Nebensächliches erscheinen lässt. – Aber auch das: Kleine braune Diener mit dünnen und krummen Gliedern, die ihren Herren jeden Wunsch und jeden Befehl erfüllen. Blättert man durch den Bildband „Das koloniale Indien. Photographien von 1855 bis 1910“ von Joachim K. Bautze, so kann man sehr leicht erkennen, woher diese (und viele andere) Vorstellungen zumindest ihre Nahrung bekommen haben: In den Motiven der ersten Fotografien aus den Ländern Südasiens.

Einfache und günstige Bildbände über Indien gibt es wie Sand am Meer. Diese versuchen zumeist, das riesige Land in einer imaginären und gleichwohl oberflächlichen Rundreise darzustellen. Der Aufbau ist meistens derselbe: Man beginnt in den Bergen von Kashmir, dreht einen Schlenker durch das sandige Rajasthan (Jodhpur, Pushkar, Jaipur), reist über Delhi und Agra (mit einer Großaufnahme vom Taj Mahal) in die fruchtbare Gangesebende (Varanasi, Allahabad etc.), von der viele Nordinder und die Autoren der Werke gleichermaßen behaupten, dort sei Indien am indischsten, und unter einigen Zickzack-Wegen im Landesinneren (zum Beispiel Hampi, Ajanta, Belur, Halebid) geht es an den Küsten (Goa, Kerala, Tamil Nadu) die indische Halbinsel hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Um als staunender Neuling einen kleinen, mit Farben überladenen Eindruck zu bekommen, oder um als routinierter aber fernwehgeplagter Indienfahrer sein Gemüt etwas zu beruhigen und beim Betrachten in Reiseerinnerungen zu schwelgen, sind diese Bildbände sehr nützlich. Doch je öfter man sie zur Hand nimmt und durchblättert, desto schneller verlieren sie oft ihren Reiz. Man legt sie beiseite und möchte lieber sofort losreisen. –

Dann gibt es Bildbände, die sich auf bestimmte Spezialgebiete konzentrieren. Namentlich zu erwähnen wären hier beispielsweise Das Antike Indien der Indologin Marilia Albanese, die in ihrem Werk die Kunst und Architektur des vorkolonialen Indien zeigt und beschreibt, oder das einfühlsame und ruhige Werk Die Frauen der Wüste Thar von Hans Silvester und Catherine Clément, das wunderschöne Fotos und gut geschriebene Texte miteinander vereint. Doch genug der Vorrede.

Ein Bildband der zweiten hier genannten Art ist nun also Das koloniale Indien von Joachim K. Bautze. Der Untertitel des Werkes lautet Photographien von 1855 bis 1910, womit die behandelte Thematik auf den Punkt gebracht ist, denn dieser Bildband zeigt Indien von einer Seite, die wir heute lebenden Indienbesucher niemals werden sehen können.

Das koloniale Indien, auf das im Buch Bezug genommen wird, umfasst dabei die Länder Indien, Sri Lanka und Burma, damals mit den Begriffen Vorder- und Hinterindien bezeichnet.

Der Autor Joachim K. Bautze ist Privatdozent für Indische Kunstgeschichte und unterrichtet derzeit am Institut für Indische Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin. Er verfügt als privater Sammler über ein großes Archiv von Fotografien aus der Kolonialzeit Indiens.

Sein Buch beginnt mit einer gleichsam geschichtlichen wie technischen Einleitung. Wir sehen uns dabei Begriffen wie Plattenkamera, Daguerrotypie, Albumin-Abzug und Kollodiumnassplatte gegenübergestellt, doch das sollte uns als möglicherweise weniger versiertes Publikum nicht davon abhalten, weiterzulesen, denn die geschichtliche Seite und die Bedeutung der quasi gerade aus dem Ei geschlüpften Fotografie sind äußerst interessant. So erfahren wir, dass Indien ab dem Jahr des ersten indischen Aufstands (1857) beinahe wöchentlich für Nachrichten in den europäischen und vornehmlich britischen Zeitungen sorgte. Die hiesige Leserschaft wollte über die Vorgänge in der Kolonie informiert sein, und – und das ist der ausschlaggebende Punkt – etwas sehen. Bis dato behalf man sich in den Zeitungsredaktionen mit durchaus phantasievollen Holzschnitten, die nun von den aufkommenden Fotos zügig verdrängt wurden. Fotos, schreibt Bautze, hatten einen anderen Stellenwert, da sie authentischere Abbildungen der Realität waren.

Alles in allem bleibt die parallel laufende technische Einführung im Rahmen des allgemein Verständlichen. Der Hinweis, dass die abgebildeten Menschen aufgrund der noch sehr langen Belichtungszeiten in den allermeisten Fällen sitzend und zumindest lehnend abgelichtet worden sind, ist nützlich beim spätere Betrachten der Bilder. Bis kurz nach der Jahrhundertwende mussten die Motive also inszeniert werden, ganz gleich ob Landschaftsaufnahmen oder alltägliche Straßenszenen mit Menschen und/oder Tieren darin.

Thematisch ist das Werk eingeteilt in die Bereiche Häfen, Eisenbahnen, Gebäude, Plantagen, Europäisches Leben – mitsamt der angestellten einheimischen Dienerschaft – Elefanten sowie einigen damals wie heute bekannten touristischen Attraktionen. Fotoenthusiasten und Zeitreisende gleichermaßen können sich über sehr detailreiche Schilderungen zu den einzelnen Thematiken freuen. Die Fotos stammen dabei von namenhaften Fotografen wie etwa Samuel Bourne, Felice Beato, James Ricalton, John Murray und anderen. Je nach Themenkomplex lässt Bautze damalige Augenzeugen selbst zu Wort kommen, so beispielsweise den Indologen Richard Garbe oder den Reiseschriftsteller Otto Ehrenfried Ehlers (neben vielen anderen). Die Auswahl der oft längeren Zitate ist gut getroffen und ergänzt das zu Betrachtene meist sehr passend. Oft wird im Text auf ein Bild verwiesen, das einen auf der Folgeseite erwartet, so dass also der Text nicht immer direkt „beim“ Bild zu finden ist.

Bei den Bildern entsteht der Eindruck, dass gerade diese alten sepiafarbenen Fotos sogar die indische Hitze transportieren können. Die Motive stehen inmitten des unerbittlichen flimmernden Sonnenscheins. Vor Ort würde man auch im passiven, stillen Zustand schwitzen. Die Wärme kann sich mit Leichtigkeit auf die Vorstellungskraft des Betrachters übertragen, ganz gleich, ob er eine Straßenszene, ein Portrait oder eine Landschaftsaufnahme ansieht. Das ist der besondere Reiz des Buches und seiner Fotos – es wird einem beim Betrachten der Bilder in Gedanken ganz warm.

Das Buch kommt im Idealfall mit einem zweitseitigen Druckfehlerverzeichnis und einer Ersatzseite, da eine Seite im Buch doppelt gedruckt worden ist. Dem geneigten Leser mag außerdem auffallen, dass es teilweise „der Taj Mahal“ und manchmal „das Taj Mahal“ heißt. Diese Schnitzer geben dem ansonsten runden Eindruck des Buches einige kleine Ecken, doch die gute Ausstattung entschädigt dafür. Verglichen mit dem ebenfalls von Joachim Bautze verfassten und von Raffael Gadebusch herausgebrachten Ausstellungskatalog Picturesque Views (Hatje Cantz Verlag) erhält man mit Das koloniale Indien wohl insgesamt mehr für sein Geld.

Bautze, Joachim K.: Das koloniale Indien. Photographien von 1855 bis 1910.
Fackelträger Verlag, Köln 2007.
ISBN 978-3-7716-4347-8

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