Impressionen aus Vrindavan

(erschien am 24. 2. 2013 bei der Berliner Gazette)

Vrindavan liegt im Norden Indiens und ist für Krishna-Gläubige eine heilige Stadt, denn hier soll die hinduistische Gottheit aufgewachsen sein. Religiosität ist allgegenwärtig. Und städtebauliches Chaos: Man weiß nicht, ob abgerissen oder aufgebaut wird. Indologe und Berliner Gazette-Autor Mario Laatsch tippt mitten in der nervenzehrenden Geräuschkulisse seinen Bericht.

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Die ersten Milane sind schon am Himmel unterwegs. Hier unten auf Erden fisselt nur sandiger Sandboden zwischen den noch bettwarmen Zehen hindurch. Schelmischer Schlafsand im Augenwinkel: Es ist kurz nach Sonnenaufgang, der hier pünktlich zu Tagesbeginn einsetzt. In der Ferne heulen Drucklufthupen auf, woran die Landstraße schuld sein wird. Geht man eine lichte Anhöhe hinauf, sieht man ringsherum sich in Warmluft wiegende waidgrüne Wälder und das ausgetrocknete Flußbett der Yamuna. In nächster Nähe steht die weiß-grau-rotbraune Stadt herum: Vrindavan.

Taktlose Tauben trippeln täglich tausendfach tempeleinwärts. Tranige, temperamentvolle Tempeldiener treten traditionell trockenfüßig treppabwaerts tzum Tempelteich. Hiesige halbnackte, heilige Hindu-Hausierer husten hoerbar hospitalreif herum. Majestätische Mantras mobilisieren mildgestimmte Menschenmassen mittenmang milchig-marmorner, mehrstöckiger, makelloser Meditationsbauten.

Die Stadt chantet den ganzen Tag: „Hare krishna, hare krishna, krishna krishna, hare hare / hare rama, hare rama, rama rama, hare hare!“ Das heißt, die Bewohner der Stadt – die Hütten, Häuser und Bauten an sich sind eher schweigsam. Trotzdem verfolgt einen das Mantra auf Schritt und Tritt. Die Leute werden durch frühmorgendliche, bunt-laute Prozessionen an dieses Mantra erinnert, als würde es hier irgendjemand je vergessen!

Wenn nachts alles ruhig sein könnte, singt die jeweilige Nachtschicht in den Tempeln weiter, zwar nur mit 15-prozentiger Motivation, aber immerhin. Die Krishna-Statuen werden hier 24/7 mit Zimbeln, einer Trommel, einem Harmonium und Gesang beschallt. Qualitativ nicht immer erste Sahne, aber es geht um die Geste an sich. Musizieren ist und bleibt in Indien in erster Linie purer Gottesdienst.

Trotzdem ertappt man sich als nicht vollkommen unmusikalischer Mensch bei der Frage: Muss das sein? Hat Krishna überhaupt noch Nerven dafür? Und was die Religionen angeht: Gibt’s hier in Vrindavan eigentlich einen masochistischen Muslim, der morgens der hiesigen Gesamtsituation zum Trotze (Stichwörter: Schirk, Tauhid) seine Schahada ausruft? Ja, es gäbe sogar eine Moschee im Ort, versichert mir ein Rikscha-Fahrer, mit dessen Hilfe ich die letzten drei Kilometer der Parikrama, der pilgerischen Stadtumgehung, vollende.

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