Indien im Weitwinkel

(erschienen am 29. Januar 2013 bei suedasien.info)

Der indische Fotograf Amit Pasricha hat die diversen Religionsgemeinschaften Indiens aufgesucht und wartet mit beeindruckenden Momentaufnahmen ihres religiös-spirituellen Alltags auf. In dem bei der Edition Panorama erschienenen Bildband im 40 x 30-Zentimeter-Querformat finden sich stimmungsvolle, unterschiedlich gelungene Bilder.

Eingeleitet wird das Buch durch einen Text von Axel Michaels, Professor für Indologie an der Universität Heidelberg. Informativ und leicht erfassbar werden wir über Indiens Spiritualität aufgeklärt. Michaels weist darauf hin, dass es in Indiens Religiosität unterschiedliche Erscheinungsformen gibt: Ritualismus, Spiritualismus, Devotionalismus und Heroismus. Auf diese Einteilung wird hier nicht weiter eingegangen, da wir uns den Bildern widmen wollen.

Panorama-Betrachtungen in Buchform sind fürs Auge ungewohnt, aber spannungsreich, da der Blick bei den meisten Aufnahmen nicht wie gewohnt auf einer Seite bleibt, sondern hinüber zur anderen Seite wandert. Rein durch die Weitwinkel-Optik sind viele Elemente eines Bildes, beispielsweise Häuser und Wege, kulissenhaft inszeniert. Und trotz des 180°-Blickfeldes guckt das menschliche Auge nicht in dieser Art. Nach einigen Aufnahmen hat man sich zwar an die Optik gewöhnt, angenehmer zu betrachten sind die Bilder dennoch aus etwa einem Meter Abstand.
Und: Man braucht Ruhe zum Anschauen. Der Reiz liegt immer im Detail, die Wirkung einer Aufnahme wird stärker, je länger man sich mit ihr beschäftigt.

Die Präsentation der Religionen im Buch entspricht (absichtlich?) ziemlich genau den realen Verhältnissen in Indien. Hinduismus, Islam und Sikhismus sind hier wie dort vorherrschend, kleinere Gemeinschaften wie Buddhisten, Jainas, Christen und Parsen wurden entsprechend weniger Seiten zugewiesen.

Serienaufnahmen sind Amit Pasrichas liebster Effekt. So kommt es nicht selten vor, dass man ein und dieselbe Person durchs Bild wandern sieht (u. a. Bilder 20, 35, 36, 37, 38, 39, 43), was den Eindruck von Bewegung in Raum und Zeitverlauf noch verstärkt.

Die Stärken dieses Bandes liegen eindeutig in den ungestellten Momentaufnahmen des Alltagsgeschehens. An einer Uferpromenade in Srinagar (Bild 19) gehen Menschen an Straßenhändlern vorbei; in Hyderabad füttert eine Frau Tauben (Bild 24); Sadhus und Pilger ruhen sich in einem Ashram aus (Bild 29). Die Aufnahmen von Innenräumen, also von Zimmern, Tempeln, Schreinen und Moscheen wirken eindringlicher als die weiträumigen Panorama-Schüsse. Auf Bild 88 steht der Betrachter inmitten einer Derwisch-Zusammenkunft, bei Bild 21 sitzt er mit Hindu-Priestern und Pilgern am Opferfeuer.

Zu Beginn des Bandes finden sich Anklänge an die inszenierten Motive europäischer Romantik: Auf Bild 3 „betet“ ein „einsamer Gläubiger“ an einem Teichufer (Der Mann steht genau im Bereich der Bildmitte, den Rücken zu uns gekehrt). Was ich sehe: Caspar David Friedrichs ‚Mönch am Meer‘, der hier vor der Kulisse des Tümpels, des Schäfchenwolken-Himmels und den imposanten Überbleibseln der Moschee pathetisch die Hände gen Himmel streckt. –

Dass die Bilder in diesem Band deutlich farbkorrigiert sind, erweist sich nicht immer als Vorteil. Allzu oft muten die Aufnahmen durch zu dunkelblau-graue Himmel und ‚aufgehübschte‘ Regenwolken apokalyptisch düster an. Ja, geradezu endzeitlich wirkt der beschädigte Chola-Tempel von Tharangambadi und das ihn umgebene Trümmerfeld (Bild 10). Drei Männer stehen – wahrscheinlich auch hier nicht völlig zufällig – inmitten der durcheinander gewürfelten Steine.

Bei manchen Aufnahmen zeigt der Weitwinkel seine Schwächen: Plattfüße werden zu noch platteren, unproportionalen Stützen, und Stretch-Limousinen wirken etwas zu flach (Bild 58).
Und apropos Bildbearbeitung: Auf der christlichen Feiertags-Parade in Bild 38 ragt (auf der Mitte der rechten Seite) aus einem Busch am Wegesrand eine einsame, hemdsärmelige Hand heraus, die einen langstieligen Prozessions-Schirm hält; die zur Hand gehörige Person fehlt schlichtweg, gleichwohl ihr Schatten auf dem staubigen Sandboden zu sehen ist. Hier also (und nur einige Meter weiter, wo ein ganzer Pferdehintern mitsamt Satteldecke verheimlicht werden soll) wurde grob und schlecht retuschiert, um den Effekt des vorbeiziehenden Umzugs zu erhaschen. Bereits auf dem Titelfoto des Schutzumschlages – eine ausgelassene Szene aus dem bunten Fest Holi (Bild 9) – ragt ein halbtransparenter Menschenkopf aus einer Steinsäule heraus, während direkt unter ihm eine Wasserspritzpumpe ebenso im Nichts verwischt wie eine dritte Person dahinter. Der Strahl aus einer anderen Wasserspritze ist nachträglich eingearbeitet. Solche offensichtlichen Schnitzer sind äußerst schade. – Entschädigt einen dafür der feine Leineneinband?

Mit gemischten Gefühlen also blättert man durch das „Heilige Indien“. Mit einer Aufnahme von Hampi beginnt die 108 Aufnahmen starke Bilderserie, und mit einer ebensolchen endet sie auch. Der Kreis ist geschlossen, 108 ist eine heilige Zahl, und sicher wird man diesen Bildband immer wieder aufschlagen.

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