Indien und Südasien studieren

(erschien zuerst am 5. Dezember 2008 auf blog.suedasien.info)

Gestern fragte mich meine Dozentin beim Tee nach meiner Meinung, ob denn in den Studienfächern Indologie und Südasienwissenschaften „das Richtige“ über Indien/Südasien gelehrt würde. Ich schrieb ihr daraufhin am Abend den folgenden Text per E-Mail:

Ja, wird es. Und: Nein, wird es nicht.

Man bekommt – wie sollte es aber auch anders sein? – ein theoretisches Grundwissen aus Büchern über a) Sprachen, b) geschichtliche Entwicklungen c) gesellschaftliche Probleme d) kulturelle Ideen, religiöse und philosophische Systeme.

An der FU lernt man Hindi- und Sanskrit-Grammatiken auf Teufel-komm-raus und liest dann hauptsächlich neuere (ab dem Mittelalter) alte und uralte Texte, die dann satzweise auseinandergenommen und analysiert und besprochen werden. In der indischen Kunstgeschichte, da ist es schon etwas anderes, denn dort lernt man immerhin, was man später in Indien einmal sehen wird, ob am Tempel oder im Hausaltar oder bei Straßenprozessionen. Im Idealfall kann man alle möglichen Körperhaltungen, Attribute und Handstellungen von Götterfiguren benennen und sie somit identifizieren, oder man kann anhand des Baustils von Tempeln sehen, wo dieser sich befindet (Nord-Süd-Ost-West-Indien…).Das alles kann man artig und ruhig zu Hause in Deutschland erledigen, und am Ende des Studiums weiß man eine ganze Menge. Und all das Wissen kann ja nie schaden, umso besser, wenn man sich von irgendwoher dafür interessiert hat.

So. Und wenn man seine Hausaufgaben gut gemacht hat, dann landet man mit diesem ganzen Bücherwissen irgendwann – vielleicht während des Studiums – in Delhi/Mumbai/Kolkata/etc. und erschrickt auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel, dass in Kolkata und Mumbai die Menschen tat-säch-lich! auf dem Bürgersteig schlafen, ggf. ist über sie hinwegzusteigen. Allein auf dieses (zwar seltene) Hinwegsteigen, das mich übrigens immernoch mitnimmt, wird man an der Uni nicht vorbereitet. Kann man nicht, wie sollte man auch? Die Armut, die einem jetzt nicht mehr in der weihnachtlichen Spendenshow aus dem Fenseher entgegentrauert, sondern die einen mit warmer Hand am Arm anfässt, ganz real und tausendmal trauriger, hoffnungsloser, flehender. – Der Dreck, die Rotze, der Kot, die Müllberge, zerschundene Tiere, diese ganzen Eindrücke sind an unseren wohlkultivierten Universitäten nicht vermittelbar. Oder: man versteht nicht unbedingt das indische zustimmende Kopfwackeln, hat aber mal in der Landeskunde gelernt, daß Indien 1951 nur 3000Telefonanschlüsse hatte (Zahl ausgedacht).

Oder: man hat nicht mit der Härte der indischen Gesellschaft gerechnet, da man sich von irgendwoher eine sanfte, seichte, tolerante Gesellschaft zusammengelesen und -gedacht hat (Ahimsa etc.). Es sind schon Leute von uns völlig enttäuscht von ihrer ersten Exkursion nach Hause gekommen, weil die Menschen dort also doch nicht größtenteils meditierend unter Bäumen zu sitzen scheinen.

Oder (das sei erlaubt): Man sieht in den Kursen viele ganz junge Fräuleins mit French Nails und Männleins mit Geradeso-Bärtchen, „Abitur-Frischlinge“, die entweder keine oder entsprechend bunte Vorstellungen von dem haben, was sie da studieren. – Ich habe diesen Menschenschlag in Indien selber erlebt: sie sind vollkommen überfordert, sich beispielsweise am Schalter durchzudrängeln um ein Ticket zu kaufen. Oder nicht in der Lage, den Zug zu besteigen, für den sie gebucht haben. Oder mit einem Ricksha-Fahrer zu verhandeln. Oder einen horrenden Preis runterzudrücken. Oder aber: Fettnäpfchen vermeiden, ernsthafte Einladungen annehmen können etc.

Dafür weiß man aber von der Uni her, zu was im Sanskrit ein auslautendes A mit dem Anfangskonsonanten des nächsten Wortes verschmilzt. Dieses Wissen führt aber keineswegs zum notwendigen Vertrauen in das Können des örtlichen Taxifahrers, der jetzt gerade als erster auf der Gegenfahrbahn eine vierte Spur eröffnet…

Das heißt, man bekommt im Studium Puzzle-Teile, die man zusammensetzen kann. Aber die Lücken, die dann noch klaffen, müssen und können meiner Meinung nach nur durch eigene Reiseerfahrungen geschlossen werden (Meine bisher schönsten Zugfahren hatte ich nachts in Indien, mit dem Rucksack unterm Kopf). Und darum wäre es so wichtig, dass es Pflichtexkursionen gibt. Sonst erleidet man später doch jeden Abend im Hotelzimmmer einen Nervenzusammenbruch, weil man das Geschiebe und Gedränge nicht verarbeitet hat. Weil man womöglich jedes Auf-den-Fuß-Treten, jedes Dran-vorbei-Schieben, jedes Anrempeln, jedes Aus-dem-Weg-Hupen ohne nachfolgende Entschuldigung nur und ausschließlich persönlich genommen hat…

Jemand, der noch nie in einem steifen Gerichtsgebäude oder in einer teppichtrockenen Kanzlei war und trotzdem Jura studiert, ist m.E. genauso unvorsichtig wie jemand, der noch nie in dem Land/Kulturkreis war, den er da studiert. Denn sonst merkt der Jura-Mensch plötzlich: Ah, diese ganze Paragraphenreiterei ist ja unmenschlich dröge!

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