Kein Grund zur Freude

Die aktuelle Lage der Indologie und Südasienwissenschaften in Berlin

Es gibt geisteswissenschaftliche Studienfächer an den beiden großen Berliner Universitäten, die das Potential zu internationalen Aushängeschildern hätten, würde ihnen auch nur annähernd die gleiche Aufmerksamkeit zukommen wie beispielsweise den naturwissenschaftlichen Fachrichtungen. Unter diesen etwaigen Charakterfächern befinden sich nach Meinung des Autors die Regionalstudiengänge Indische Philologie und Indische Kunstgeschichte an der Freien Universität – beides klassisch ausgerichtete Studiengänge, die oft als Indologie zusammengefasst werden – sowie das Fach Geschichte und Gesellschaft Südasiens der Humboldt-Universität.

Selbst ohne eine etwaige Aufstockung im Bereich der Finanzen und des Lehr- und Forschungspersonals sollten beide Universitäten stolz auf ihre südasienzentrierten Fächer sein und wenigstens den Erhalt der Fächer garantieren, denn die Region, die unter anderem ein Viertel der Weltbevölkerung umfasst, ist längst nicht so unwichtig wie es manchem in den Universitätsspitzen erscheinen mag: Mit Afghanistan und Pakistan beherbergt die Region zwei der brisantesten Krisenherde der Erde, und das
Kernland Indien ist politisch, kulturell und wirtschaftlich ein immer beliebterer Partner im gesamten asiatischen Teil der Welt.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die beiden großen Universitäten Berlins, von denen die eine 2010 den kosmopolitischen Geist Humboldts zelebrieren will, und die andere, als Gewinnerin im Exzellenz-Topfschlagen, sich rühmt, die unternehmerischste Universität Deutschlands 1 zu sein, behandeln die ihnen anvertrauten Fächer in einer Art, die mit stiefmütterlich noch schmeichelhaft umschrieben wäre. Über die Entwicklungen der vergangenen Monate wurde an dieser Stelle bereits seinerzeit berichtet, seitdem geriet das Thema jedoch mehr oder weniger wieder in Vergessenheit. Eine kurze subjektive Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation der universitären Südasienforschung in der Bundeshauptstadt scheint mir darum angebracht.

Humboldt-Universität

Nachdem in einem obskuren Drei-Säulen-Modell eine eigene Professur für Südasien nirgendwo aufgetaucht war, hagelte es von Seiten der Studierenden und MitarbeiterInnen des Seminars heftige Kritik; man wandte sich an die lokale Presse, die sich dankenswerterweise dem Thema über ein paar Wochen hinweg annahm. Auf Seiten der Universitätsleitung war man von dieser sofortigen und negativ konnotierten Berichterstattung sichtlich überrascht. Nun ist nach zähem Ringen zwischen dem Seminar für Geschichte und Gesellschaft Südasiens, dem Institut für Afrika- und Asienwissenschaften und dem Akademischen Senat die obligatorische eine Professur des Faches wieder in die Strukturplanung des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften aufgenommen worden. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels werden die Auswahlgespräche der Anwärter auf die nun möglichst schnell zu besetzende Stelle in unmittelbarer Zukunft abgehalten werden. Darüber hinaus ist die Rede von einer möglichen Junior-Professur. Damit wäre eine Weiterführung der Lehre zumindest für die nähere Zukunft gesichert. Die internen Grabenkämpfe zwischen den einzelnen Seminaren am humboldtschen Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, ausgelöst einerseits durch die desaströse finanzielle, personelle und materielle Ausstattung, andererseits jedoch auch durch Standesdünkel und professorale Einzelinteressen, sind damit zwar nicht beigelegt, aber es scheint eine Art Waffenstillstand zu geben. Alles in allem ist am Seminar für Geschichte und Gesellschaft Südasiens nach wie vor der Wille zum Überleben zu erkennen.

Freie Universität

Anders, das heißt schlechter, sieht es an der jüngst zur Elite-Universität ernannten FU aus. Im selbsternannten Leuchtturm der Wissenschaft 2 ist die ersatzlose Streichung des Faches Indische Philologie im Jahre 2012 durchgesetzt worden. Studierende des Fachs müssen bis zu diesem Zeitpunkt ihr Studium abgeschlossen haben. Damit steht die Berliner Forschung an den Wurzeln der südasiatischen Kulturen vor dem endgültigen Aus. Das Schwesterfach, die Indische Kunstgeschichte – schon aufgrund des obligatorischen Sanskritvokabulars auf das engste mit der Philologie verwoben und auf diese angewiesen – ist in der Strukturplanung für die nächsten fünf Jahre in die allgemeine Kunstgeschichte eingegliedert worden. Doch auch dort dürfte sie aller Voraussicht nach ein ähnliches Schicksal erwarten wie die Philologie. Es darf zu Recht gefragt werden, wie zukünftig Indische Kunst gelehrt und studiert werden soll, wenn kein Sanskrit vermittelt werden kann (von landeskundlichen und kulturgeschichtlichen Themen sei hier ganz zu schweigen).

Die Situation an der FU ist also bizarr, denn erstens eröffnete man just im März 2008 feierlich eine eigene Außenstelle in New Delhi 3 , zweitens schrieb Universitätspräsident Dieter Lenzen unter der Überschrift „Indien hat Zukunft“ 4 höchstpersönlich zu diesem Anlass einen amüsanten Artikel in der universitätseigenen Zeitschrift, aber drittens werden unverändert die Indienspezifischen Fächer an den Rand der Existenz gedrängt. Die Indische Philologie muss ihr Lehrangebot zu 80 Prozent aus billigsten, weil meist unbezahlten Lehraufträgen bestreiten, die die Arbeit eines Professors und eines wissenschaftlichen Mitarbeiters ergänzen sollen. Die Professur der Indischen Kunstgeschichte ist ausgeschrieben und wird in der Zwischenzeit seit nunmehr anderthalb Jahren mehr oder weniger semesterweise provisorisch besetzt.

Als im Herbst 2007 die Abschaffung der Südasienwissenschaften an der HU im Raum stand, gründeten Studierende der FU die Studentische Initiative Süd-Asien in Berlin (SISAB). Es wurden Transparente am Haus gehisst, Flyer gedruckt und verteilt, Unterschriften gesammelt sowie am universitätsweiten Protesttag, dem 31.1.2008, teilgenommen, um auf die prekäre und beschämende Situation hinzuweisen. Rund 40 Studierende, zum allergrößten Teil der FU, zählte die SISAB, doch der aktive Kern bestand nie aus mehr als zehn Leuten. – Das spricht für sich, denn die Mentalität am Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte ist seit Jahren fatalistisch bis zynisch, von zwei Ausnahmen auf Seite der DozentInnen abgesehen. Man zog sich sehr früh das Gewand der Opferrolle an und erlag dem Glauben ans Schicksal; demonstrieren habe ja ohnehin keinen Sinn. – „We will drown, but we won’t move!“ (dt.: „Wir werden untergehen, aber wir werden nicht weichen!“) ist eigentlich der verzweifelt-stolze Kampfspruch der indigenen Protestgruppen gegen die Staudammprojekte im indischen Narmada-Tal, einem der großen Lebensräume der Adivasi-Bevölkerung. In einer etwas abgeänderten Übersetzung ließe sich daraus auch ein naserümpfendes, aristokratisch-arrogantes „Wir werden untergehen, aber wir rühren keinen Finger!“ interpretieren, und diese zweite Übersetzung würde die Stimmung im genannten Institut sehr passend beschreiben.

Am Fundament der altehrwürdigen Elfenbeinturmwissenschaft sägt also ununterbrochen die Säge der neo-liberalen Ökonomisierung des Universitätsbetriebs. Was nach dem Kahlschlag übrig bleiben wird, ist deutlich zu sehen: Traditionsreiche und einzigartige Nischenfächer haben ihre Daseinsberechtigung schlichtweg verloren. Damit stellt sich gerade die exzellente Freie Universität (im studentischen Sprachgebrauch steht das Adjektiv übrigens mittlerweile oft in Anführungszeichen!) selbst ein Armutszeugnis aus. Der dadurch angerichtete Schaden für die Gesellschaft ist durch engstirnig-stolze und provinziell-unwissende Geisteshaltungen auf beiden Seiten des Verhandlungstisches nicht bedacht worden.

Eine Universität, die ihre „kleinen“ Fächer dermaßen schlecht behandelt, ja im übrigen bereits deren Existenz ignoriert 5 , hat solche Fächer, die einst ein hohes Ansehen hatten, nicht verdient. Andererseits hätte ein Fach, das sich leider derart wenig um sich selbst und seinen Erhalt kümmert, nichts anderes verdient als den Zuruf: „Na, dann geh’ gefälligst unter!“

(Der Autor studiert alle drei hier genannten Fächer)

Anmerkungen

[ 1 ] http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2006/fup_06_261.html

[ 2 ] http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2007/fup_07_244/index.html

[ 3 ] http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2008/fup_08_052/index.html

[ 4 ] http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2008/ts_20080419/ts_200800419_12/index.html

[ 5 ] Dem Vernehmen nach kommt seit mehreren Monaten kein Schriftverkehr zwischen FU-Präsidium und Indologie-Institut mehr zustande.

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