Mein alternatives Leben

Wäre ich nicht in eurpäisch-deutschen Gefilden – sagen wir es ruhig: in Berlin-Neukölln – geboren und aufgewachsen, sondern hätte das Verschmelzen von Spermium und Eizelle, dieses zufällige Endergebnis, das man beseeltes Ich nennt, in indischen Breitengraden stattgefunden, dann wäre ich jetzt mit Sicherheit ein indischer Asket, ein weltabgewandter Sadhu. Hari Om!

Mumbai

Klar, als ausgewiesener Asket wäre ich nicht auf die Welt gefallen, nein, ich wäre zuerst das Kind von hoffentlich einigermaßen der indischen Mittelschicht verhafteten Eltern: Behütete Verhältnise auch diesseits des Arabischen Meeres, bittesehr. Ich wäre in einem großen Familienverband aufgewachsen, hätte vielleicht drei oder vier jüngere Geschwister, mit denen ich allmorgendlich auf einer klapprigen Rikshaw zur Schule gebracht würde, und nach acht, vielleicht zehn Jahren Schule müsste ich mich für einen Job entscheiden. Und hier beginnt die Problematik: Denn weder habe ich Lust, traditionell denselben Beruf zu ergreifen wie mein Vater (der ist beispielsweise Autoschlosser bei TATA), noch will ich überhaupt irgendein „nützliches“ Mitglied der hektischen Gesellschaft sein, das sich sein Leben ruiniert, indem es sich täglich 17 Stunden abrackert für ein paar Rupien im Tauschwert von vielleicht sieben Euro.

Nein, ja, ich komme nicht darum herum, eines Tages angespannt vor meine Eltern und Großeltern zu treten und ihnen zu erklären, daß ich aus der Gesellschaft aussteigen will, um mich dem religiösen Leben zuzuwenden. – Schon immer glaubte ich an den lieblichen Gott Krishna, der die Hirtenmädchen mit seinem reizenden Flötenspiel bezirzt; schon immer bat ich inbrünstig Gott Ganesha bei allen Unternehmungen um Beistand. Nach der Schule ging ich doch schon immer freiwillig zwei Stunden in den Tempel der Nachbarschaft, um mir die erhabenen, uralten Sanskrit-Gesänge der Priester anzuhören. Und überhaupt: Mein Blick, meine Augen, das sind doch die Augen eines Suchenden! – Meine Eltern sind schockiert, meine Großeltern schütteln den Kopf, schweigen jedoch. Meine Schwester weint leise. Es hagelt strenge Verbote und Drohungen, doch ich bleibe festentschlossen. Ich bin ungefähr 16 Jahre alt. Eines nachts, es geht nicht anders, schnappe ich mein vorbereitetes Reisebündel und haue ab. Ein Blick zurück auf die weltlich-eingspannten, schlafenden Geschwister, dann drehe ich mich um und renne die erste Stunde in vollem Tempo. Ich renne mich frei. Einige Wochen später und hunderte von Kilometern von Zuhause entfernt finde ich in einem Wald einen Asketenorden, der mich aufnimmt. Mein Guru ist ein alter Mann mit langem Bart und noch längeren Dreadlocks. Als jüngstes Mitglied habe ich nun eine langjährige Ausbildung über mich zu ergehen, die an dieser Stelle zu schildern den Rahmen sprengen würde (Stichworte: tägliche Yoga-Übungen, stundenlange Meditationen, Unterweisungen im Fliegenlernen und im Bhang-Rauchen, Auswendiglernen heiliger Texte, Selbstkasteiungen bishin zur Auflösung des Selbst, usw.).

Fest steht, daß ich mit ungefähr 57 Jahren den Status eines Gurus erreicht habe. Meine Lehrer von einst sind gestorben und hoffentlich im Brahman aufgegangen. Ich habe die Führung des Ordens übernommen und mein Ansehen innerhalb unseres kleinen Kreises von zwölf Leuten ist unangetastet. Ich bin ein spiritueller Fels in der weltlichen Brandung geworden. Ein Vorbild, ein weiser Seher. Die Gläubigen aus den benachbarten Dörfern kommen täglich zu uns und holen sich unsere und damit auch meine Segnungen ab. Ich sitze inmitten meiner Anhängerschaft in einer angenehm kühlen Steinhöhle auf einem Flickenteppich vor einem kleinen Feuer. Räucherstäbchen verqualmen ihre Düfte. Ich trage lediglich einen Lendenschurz und ansonsten religiöse Zeichen aus weisser Asche auf meinen Gliedmaßen. Meine langen, schweren Haare habe ich um den Kopf herum zu einem Turban gewickelt. Ich benutze meine Stimme seit Jahren kaum noch; das meiste regle ich über Gestik und Mimik: meine Anhänger verstehen mich auch so.
Mit der Sonne stehe ich auf, und wenn die Nacht am tiefsten ist, lege ich mich auf meine Bastmatte, decke mich mit einem leichten Tuch zu und lasse einen traumlosen Schlaf passieren. Die Monate und Jahre hier in meiner Höhle vergehen alle gleichförmig und friedlich. Das Klima ist das ganze Jahr über dasselbe: Es ist feucht-warm, bei 30 Grad, ein seichter warmer Wind weht hin und wieder durch die Behausungen. Einige Meter von der Höhle entfernt plätschert das reine Wasser eins Baches. Wochentage, Uhr- und Ladenöffnungszeiten haben schon seit Jahrzehnten keine Bedeutung mehr für mich. Moderne Erfindungen wie das Internet oder das Mobiltelefon tangieren mich nicht, ich habe keine Verwendung für sie. Ich habe keine Begehren, auch keine sexuellen. Ich brauche nicht mehr zwischen Gut und Schlecht zu unterscheiden, alles ist das gleiche. Ich bin nicht mehr meinen Emotionen unterworfen. Es ist still hier, die nächste Straße liegt sieben Kilometer entfernt. Tagsüber singen die Vögel, nachts musizieren die Grillen. Man kommt nur auf gewundenen Trampelpfaden zu mir, kein Schild weist den Weg. Wer auch immer zu mir kommt, er bringt etwas mit und wird von hier wieder etwas mitnehmen. Meine, unsere Gäste haben zwei, vier, sechs oder acht Beine. Die, die keine menschliche Sprache sprechen können, sind in der Überzahl. Es spielt für mich keine Rolle mehr, welche Jahreszahl geschrieben wird. Nie musste ich Steuern, Miete oder sonstige Abgaben zahlen. Wir Asketen, Sadhus, sind in Indien heilige Männer.
Mein ganzer irdischer Besitz besteht aus einem Blecknapf und einen Becher, einem mitteldicken Buch aus getrockneten Palmenblättern, einer Decke, der genannten Bastmatte und zwei Lendentüchern. Kein Ding, das mich besitzt. Ich habe nichts zu verlieren, ich bin frei…

Wald

… jedoch: Für die oben beschriebene religiöse Folgsamkeit war und bin ich, hierzulande sozialisiert, schon immer nicht unkritisch genug. Ich verspürte nie, auch nicht in Indien, die Notwendigkeit, mich in eine bestimme spirituelle Richtung verändern zu müssen. Aus den extra für Westler eingerichten Ashrams flüchtete ich nach kürzester Zeit, nach einer halben Stunde, wobei ich mir noch in dieser Zeit ein höhnisch-skeptisches Grinsen ob des amerikanischen Neu-Heiligen und Ober-Gurus (ganz in Weiß) kaum verkneifen konnte, dem zu Ehren alles aufstand, sobald er einen Raum betrat und der die Leute zu segnen begann, wie es wohl kaum ein echter Sadhu im indischen Wald täte.
Aussteigen, aber ganz ohne religiöse, esoterische oder politische Dogmen, das wäre doch was…!

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