Mythos Heilige Kuh

Eine Dokumentation von Nele Münchmeyer

Fragen Sie drei Bekannte Ihrer Wahl nach typischen Bildern und Assoziationen zum Thema Indien, und Sie werden mit Sicherheit schon unter den ersten Antworten die frei herumlaufenden, heiligen Kühe in den Straßen angeführt bekommen. Das Bild der herumlungernden, apathisch Müll kauenden Kuh inmitten eines indischen Verkehrstrubels ist dermaßen weit verbreitet, dass es sich als ein schwieriges Unterfangen herausstellen dürfte, zu diesem einseitigen Klischee einen Dokumentarfilm – einen weiteren nach vielen anderen – zu drehen.

Man könnte sich zu der Behauptung hinreißen lassen, eine einigermaßen objektive, ja ernsthaft um Wissensvermittlung bemühte Dokumentation sei beinahe gar nicht möglich, weil nicht massenpublikumstauglich. Der Filmemacherin Nele Münchmeyer ist jedoch genau dieses gelungen. Ihr Film „Mythos Heilige Kuh“, der am 15. Oktober um 19 Uhr auf Arte zu sehen sein wird, besticht durch einfache Bilder und eine klare Sprache. Die in der Thematik der indischen Mythologie wenig bewanderten Zuschauer werden behutsam und etappenweise in die Materie eingeführt, so dass zu keinem Zeitpunkt eine Übersättigung an Sanskritbegriffen und Götternamen eintritt.

Der Film beginnt mit einer Gegenüberstellung. In einem südindischen Dorf wird das Erntedankfest pongal gefeiert. Am dritten des insgesamt viertägigen Festes werden die Kühe von ihren Besitzern bunt bemalt und in lauten Zeremonien für ihre Arbeitsdienste gelobt. So mancher Bulle, der ansonsten täglich auf dem Feld einen Pflug ziehen muss, zeigt sich darüber sehr ungehalten und reagiert entsprechend rebellisch.

Kuh auf Brücke in Rishiskesh (C) Mario Laatsch

Anders sieht es in den großen Städten aus. Hier laufen die Tiere frei herum, weil ihre Besitzer oftmals keine Möglichkeiten zur Futterbeschaffung haben. Sie wühlen im Müll nach Nahrungsresten und fressen dabei alle Arten von Kunststoffen einfach mit. Im heiligen Mittelpunkt stehen hier, inmitten von Lärm, Menschenmassen und Straßenverkehr, die Kühe nicht. Der Film fängt jedoch alltägliche Straßenszenen ein, in denen Passanten die Lendenpartie einer knochigen Kuh berühren, um das Wohlwollen der go mata, der Mutter Kuh zu erlangen.

Die Zuschauer erfahren weiterhin, dass Urin, Dung, Milch und Butter wichtige Bestandteile diverser Opferrituale darstellen, ohne dabei mit voyeuristischen Bildern konfrontiert zu werden. Überhaupt ist bei der Kameraführung und beim Schnitt des Films auf eine gewisse Ruhe und Kontinuität geachtet worden – Aspekte, die mir in Zeiten hektischer Schnellschnitte hervorhebenswert erscheinen.

Eingegangen wird dann auf diverse Kulte und Kultstätten, in denen die Kuh eine Rolle spielt. Da ist zum einen die wilde Kuhgottheit Kamadenu in Chennai, die einst beim Anblick eines Shiva-lingams menschliche Formen annahm. Ihr zu Ehren wählt die Priesterschaft regelmäßig eine besonders schöne und repräsentative Kuh aus der Stallung des ortsansässigen Murandeeshvar-Tempels aus, die dann in Folge als Kamadenu verehrt wird.

Desweiteren wird der ebenfalls eher in Südindien verbreitete Kult um den Bullen Nandi (rishabha), dem Tragtier des Gottes Shiva, anhand des Nandi-Tempels von Bangalore vorgestellt. Hier wird eine vier Meter hohe, aus einem Fels geschlagene Figur des Bullen verehrt, indem sie mit Milch und Wasser begossen und anschließend mit Blumengirlanden (malas) behangen wird.

Ein Ort von besonderer Bedeutung in der Verehrung der Kuh ist der mythologische Geburtsort des Gottes Krishna, Vrindavan in Nordindien. Die Stadt beherbergt über 200 Kuh-Asyle, sogenannte go shalas, in denen jeweils zirka 60 Tiere leben. Die meisten von ihnen wurden vor der Schlachtung gerettet und können hier, in diesen übergroßen Kuhställen, friedlich ihr Dasein fristen. Zu Wort kommen Mitarbeiter, die ihren Lebensinhalt darin sehen, den Kühen zu dienen. An einer Stelle heißt es, man verehre die Kuh wie die eigene Mutter, und der Film bleibt auch hier dankenswerterweise objektiv und stempelt die zu Wort Kommenden nicht als Halbverrückte oder Fanatiker ab.

Dass die Kuhverehrung ganz einfach Ansichtssache sein kann, die nicht von jedem geteilt werden muss, beweist der Film in einer weiteren Kontrastierung. Neben Schmuck und Stahl ist Rohleder einer der Exportschlager der indischen Wirtschaft. Die Firmen zur Herstellung von Lederprodukten stehen zwar zumeist unter muslimischer Leitung, doch der Großteil der Fabrikarbeiter sind Hindus. Deutlich wird hier, dass abgewogen wird zwischen dem Pochen auf religiösen Werten auf der einen, und der Sicherheit eines festen und für indische Verhältnisse gar nicht mal so schlecht bezahlten Arbeitsplatzes auf der anderen Seite. Je nach sozialer Stellung und Lebensumständen ist die Kuh also entweder Objekt der Hungerbeseitigung oder der religiösen Verehrung. Mit den Worten des kritischen Professors Jha, der ein Buch gegen die Kuhverehrung in seinem Land veröffentlicht hat: „Die Kuh ist und bleibt der Proteinspender des armen Mannes.“

Nele Münchmeyer vergisst in ihrem Film aber auch nicht darauf hinzuweisen, dass die Kuhverehrung nicht, wie von Hindunationalisten gern behauptet wird, schon seit Urzeiten – quasi ohne Anfang – in Indien praktiziert wird Die Veden erwähnen demnach sehr wohl das Kuh- und Rinderschlachten zu Festen und Ritualen. Erst infolge der Sesshaftwerdung der vorher nomadisch lebenden Indoarier wurde die Viehzucht zunehmend wichtiger. Viehbesitz bedeutete Reichtum und Wohlstand. Schließlich wurde das Schlachten von Rindern von der brahmanischen Priesterschaft verboten; wer nun Kühe schlachtete konnte zum Unreinen und Unberührbaren werden. Zusammen mit dem sich immer weiter verbreitenden Verzicht auf Gewalt gegen jegliche Art von Lebewesen ergaben sich somit zwei Merkmale der brahmanistischen Welt- und Wertevorstellung. Etwas überflüssig ist in diesem Zusammenhang jedoch Münchmeyers eingeschobene Vorstellung der Jaina-Religion, deren Mönche und Nonnen bekanntermaßen einen Mundschutz tragen, um keine Kleinstlebewesen durch Einatmen zu töten.

Ein weiterer, erheiternd gemeinter Einschub ist die Episode über Werbespots für Zahnreinigungskaugummis, in denen eine Kuh strahlend weiße Zähne und einen frischen Atem bekommt, sodass ihr gar das Gras von der Wiese freiwillig entgegen und ins Maul springt. Diese Idee stammt denn natürlich von eher westlich geprägten jungen Yuppies, die ihr Auskommen in den Neuen Medien haben.

Nicht unerwähnt bleibt im Film auch ein anderes Problem: Es gibt in Indien keine landesweit einheitliche Regelung zur Kuhschlachtung. In vielen Bundesstaaten ist sie verboten, in anderen nur teilweise, in wieder anderen darf nur außerhalb von Dörfern und Städten geschlachtet werden. Hier bedarf es also nach Meinung der vorgestellten Kuhschützer einer behutsamen Regelung, die einerseits die religiösen Gefühle von Kuhverehrern nicht mit Füßen tritt, und andererseits auch nicht den in dieser Angelegenheit gern radikalen Hindunationalisten in die Arme spielt.

Das Fazit des Films lautet indes: Ob die Kuh als Nutztier oder als Heilige angesehen wird, hängt einzig und allein von jedem einzelnen Menschen ab. Daher kann auch nicht von einer generellen Scheinheiligkeit oder Doppelbödigkeit im indischen Umgang mit der Kuh die Rede sein, wenn beispielsweise andernorts von der Kuh als geschlagener Heiligen gesprochen wird.

Abwechslungsreich, erfreulich objektiv beobachtend und informativ zugleich kommt die Dreiviertelstunde von Nele Münchmeyers Dokumentation daher, die in nur 19 Tagen gedreht wurde. Wer mehr wissen will über die Stellung der Kuh in Indien, der sollte sich diesen Film nicht entgehen lassen.
Quellen

Dokumentation: „Mythos Heilige Kuh“
Regie: Nele Münchmeyer. Deutschland 2007. 45 Minuten.
Am 15. Oktober 2007 um 19 Uhr auf Arte.

1 Gedanke zu “Mythos Heilige Kuh”

  1. wolfgang66 sagte:

    Mario,
    danke für diese ausgezeichnete Information. Übrigens: der Film war am 23.05.11 wieder in Arte!
    mfg
    Wolfgang

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