Schuften zwischen Matsch und Stahl

Über den Dokumentarfilm „Eisenfresser“ von Shaheen Dill-Riaz

Schwere Lasten werden auf den Schultern einer Gruppe ausgemergelter Männer durch einen Morast getragen. Im Chor singen sie stoßweise ein monotones Lied. Sie sind barfuß und wanken mehr, als dass sie richtig gehen würden. Einige der Männer haben die Augen vor Überanstrenung schon halb geschlossen. – Genug. Was der Beschreibung nach eine gestellte Szene mittelalterlicher Sklavenarbeit sein könnte, ist bittere bengalische Realität im 21. Jahrhundert.

Die jährlich wiederkehrende Hungersnot im Norden Bangladeschs zwingt Bauern und andere Landbewohner, ihre Heimatdörfer zu verlassen, um als saisonale Arbeitskräfte auf den Schiffsabwrack-Werften im Süden des Landes anzuheuern. An den Stränden von Chittagong zerlegen sie in Handarbeit ausgemusterte Tanker und Containerschiffe aus den Industrieländern. Seit den 60er Jahren haben einige Abwrackunternehmen den einheimischen Markt der Stahlweiterverwertung unter sich aufgeteilt und beschäftigen jährlich mehrere Tausend billigster Arbeitskräfte. Bangladesch deckt durch das Abwracken 80 Prozent seines landesweiten Stahlbedarfs.

Shaheen Dill-Riaz, der in Berlin lebende Regisseur des viel beachteten Films Die glücklichsten Menschen der Welt (2004), hat sich ein weiteres Mal in seinem Heimatland umgesehen und bringt ein erschütterndes Filmdokment zurück, das von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat Wertvoll bedacht wurde.

Es ist ein apokalyptisches Szenario. Menschen stapfen knietief vor monströsen Riesen aus Stahl im Schlamm herum. Sie wirken verloren und hilflos inmitten der gigantischen Felder aus Schrott. Ihre Aufgabe scheint nicht erfüllbar zu sein, und doch zerlegen sie Jahr für Jahr ausgediente Ozeanriesen, die etwa ein Leergewicht von 650.000 Tonnen haben, in LKW-gerechte Teile.

In ihrer freien Zeit können die Männer dennoch lachen oder zumindest lächeln, und das kann beim Publikum des Films womöglich für Irritation sorgen, denn gerade im ersten Viertel des Films könnte durch lächelnde Schwerstarbeiter und stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen der Eindruck von fernöstlicher Arbeiterromantik entstehen. Dass dem nicht so ist, weiss Dill-Riaz schnell genug zu korrigieren. Er zeigt die Arbeiter einerseits zusammenhockend in ihren stallähnlichen Baracken, andererseits fängt er, der deutschen Untertitelung sei Dank, die raue und grobe Sprache ein, die während der Schinderei eventuelle Anzeichen von Schwäche übertünchen soll – oder die ganz einfach nur zeigt, wie blank die Nerven liegen.

Der Arbeitslohn – und auf Lohn reimt sich hier passenderweise das Wort Hohn – reicht meistens nicht einmal für das alltägliche Leben der Arbeiter aus, sodass dso gut wie alle von ihnen Schulden bei den Lebensmittelhändlern anhäufen müssen, um über die Runden zu kommen. Schnell finden sie sich in einer nach unten offenen Spirale wieder: Einerseits bekommen sie zum Beginn der Arbeitssaison von den Abwrackunternehmen eine Vorschusszahlung, damit sie Nahrung kaufen können, und andererseits wird diese Vorschusszahlung am Ende der Saison natürlich mit dem verdienten Arbeitslohn verrechhnet, wobei etwaige andere Rückstände wie angehäufte Schulden bei den Händlern noch mitabgezogen werden. Oft gilt es dann noch, ein ausstehendes Minus abzuarbeiten, womit sich die tägliche Arbeitszeit von standardmäßig rund zwölf Stunden noch erhöht. Letztendlich verlassen dann viele Arbeiter die Werften genauso mittellos, wie sie sie aufgesucht haben.

Deutlich wird im Film zudem, dass auf den Werften eine Stimmung der Angst vorherrscht, sobald es um Geldangelegenheiten geht. Da werden vorher Großmäulige zu stummen Rumstehern, und die sogenannten Contractors, die Vermittler zwischen Arbeitern und Firmenbossen, geben klein bei oder trauen sich überhaupt nur widerwillig, das Büro der Firmenleitung zu betreten, sobald sich die Lohnzahlungen verspäten.

Und dann so ungeheure Aufnahmen wie diese: ein letzer Zentimeter Schweissnaht wird auf dem obersten Deck durchtrennt und schon rast ein zirka 30 Meter hohes Tortenstück Schiffsrumpf kippend in die Tiefe. Die Schweisser stehen in der Hierarchie der Arbeiter zwar noch ein klein wenig höher als die einfachen Träger, doch ihr Job ist nicht minder gefährlich. In den leeren Schiffsbäuchen befinden sich neben offenen Asbestverkleidungen, Chemikalien und ausgelaufenem Öl auch oft die Gase der leckgeschlagenen Toiletteneinheiten. Neben der hochentzündlichen Ölschicht besteht also zusätzlich auch eine Erstickungsgefahr. Der Zuschauer erlebt diese Willkür des Schicksals mit eigenem Auge, als sich in unmittelbarer Nähe des Kamerateams ein Feuer rasend schnell ausbreitet.

Nicht geringer ist die Lebensgefahr für die Arbeiter und Träger, die, wie erwähnt, barfuss durch den mit scharfkantigem und/oder heissem Stahlschrott waten und sämtliche Zerlegungsarbeiten von Hand erledigen, wo andernorts bereits Maschinen eingesetzt werden. Und trotz der geringen Bezahlung und der imensen Gefahr für Gesundheit und Leben kehren jedes Jahr viele tausend Arbeiter zurück in die Abwrackwerften an der Küste von Chittagong, weil sie keine anderen Möglichkeiten zum Geldverdienen sehen.

Bemerkenswert an Eisenfresser ist, dass Shaheen Dill-Riaz es schafft, die porträitierten Arbeiter die Kamera vergessen zu lassen: Teilweise geben sie derart unverblümt ihre Meinung preis, dass es sie in Gegenwart ihres Vorgesetzten eine Tracht Prügel und den Verlust der Arbeitsstelle kosten würde.

Eisenfresser ist also ein Film, der einen nachdenklich mit den gewonnenen Einblicken zurücklässt. Wer die Möglichkeit hat, ihn in einem der ausgewählten Kinos zu sehen, dem sei er wärmstens empfohlen.

Shaheen Dill-Riaz: Eisenfresser. Dtl. 2007. 85 Min. Farbe. OmdU.

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