2 Bücher für 1 Indienreise

(erschien zuerst am 24. März 2009 auf http://www.blog.suedasien.info)

Ich lese zur Zeit das Buch „Der unbekannte Kontinent. Alltag in Indien.“ von Wolfgang Hieber. Hieber war als Universitäts-Dozent u.a. in Neu-Delhi tätig und hat seine mannigfaltigen Erlebnisse während seiner Indienaufenthalte in einfacher, zügig zu lesender Sprache und in verständnisvollem Ton niedergeschrieben. Vom Titel des Buches sollte man sich nicht abschrecken oder täuschen lassen, denn es birgt wohl selbst für Leute vom Fach (Indologie/Südasienwissenschaft) noch viele kleine, neue Informationen und Einsichten. Selbstreflektion ist dabei Hiebers Stärke. In viele Situationen, die er aus dem Alltagsleben in indischen Städten und vorallem: Dörfern beschreibt, werden sich selbst hinterfragende Abschnitte eingeflochten, werden die eigenen westlichen, deutschen Werte nicht verhelt und höhergestellt. Im Gegenteil.
Hieber stellt sich dieselben Fragen, die sich jede/r Indienreisende im Laufe eines Aufenthalts stellen wird oder gestellt hat: Warum ist ist unser (westliches) Denken so? Worin unterscheidet sich das indische, und woran erkennt man das? Durch kleine, auch banale Begebenheiten kann Hieber dieses Selbstbefragung verdeutlichen.
Da er sich, wie es scheint, auch viel unter der Landbevölkerung aufgehalten hat, sind seine Mitteilungen über das Leben dort gerade für Nicht-Ethnologen und an Reiseführern orientiere Touristen besonders reizvoll. Welche Rolle spielen hier die Frauen, welche Probleme bereitet die Demokratie? Welche Freiheiten und welchen Stellenwert haben Kinder, und warum? –
Das Buch ist bei Amazon derzeit für einen Spottpreis zu erstehen. –

Das zweite Buch ist „Der Atem Indiens“ des italienischen Filmregisseurs, Essayisten und Kritikers Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Pasolini reiste 1961 zusammen mit Elsa Morante und Alberto Moravia nach Indien. Er beschreibt seine Impressionen, die er vor allem in den Abend- und Nachtstunden auf seinen Spaziergängen einfing.
Pasolinis Blick auf Indien ist jedoch der des deutlich eurozentrischen Westlers. Schonungslos beschreibt er Armut, lässt er sich über verwunderliche Formen von Spiritualität und das verbreitete Schönheitsindeal „der Inder“ aus, und degradiert mit italienischem Temperament einmal den Nobelpreisträger Rabindranath Tagore zu einem „Bauerndichter“. Wer ohne die rosarote Brille in Indien unterwegs war oder ist, wird, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, dem ein oder anderen Punkt Pasolinis (nicht unbedingt den hier genannten) zustimmen oder zumindest nachvollziehen können. So merkwürdig es jetzt klingen mag, aber: Pasolini steht „den Indern“ als Volk keineswegs feindselig oder verachtend gegenüber. Er verleiht seinem Kulturschock jedoch deutliche Worte und hinterfragt sich nicht oder nicht in dem Maße, wie eben Wolfang Hieber in seinem Buch es tut.
Lesenswert ist das Buch denn aber in jedem Fall, denn es kann einen – gerade bei einem ersten, euphorischen Indienbesuch, bei dem einem das Land als das Paradies erscheinen möge – mit seiner schönen Sprache auf den Boden der gesunden Rationalität zurückholen.
Doch mit Blick auf ein durchschnittliches Reisegepäck kann ich vielleicht abschließend folgende Empfehlung geben.
Pasolinis „Der Atem Indiens“ lese man entweder schön zu Hause im Sessel oder nach der Indienreise, Hiebers „Alltag in Indien“ jedoch kann man, auch wenn es das dickere der beiden Bücher ist, getrost mit ins Handgepäck stecken und schon im Hinflug anfangen zu lesen.

Hieber, W.: Der unbekannte Kontinent. Alltag in Indien.
ISBN 978-3430145763

Pasolini, P.P.: Der Atem Indiens.
ISBN 3-924175-23-3

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