Indien hinter die offene Tür geschaut

Der Film „Behind the Open Door“ zeigt den harten Alltag indischer Latrinenreiniger

30 Millionen Tonnen menschlicher Fäkalien produziert Indien täglich. Ein Großteil dieser Massen sammelt sich in den Bassins einfacher Plumpsklos und in den veralteten städtischen Kanalisationen. Bei deren regelmäßiger Reinigung wird in Indien jedoch nicht auf Technik gesetzt, sondern auf die Handarbeit der sogenannten Scavengers, der untersten Schicht der Unberührbaren. Über eine im wahrsten Sinne des Wortes beschissene Arbeit – und zwar in doppelter Hinsicht – berichtet der Film „Behind The Open Door“ von Falko Zubairi.

Der Begriff scavenger wurde von der britischen Kolonialmacht eingeführt und beschreibt diejenigen, die menschliche Exkremente und Abfälle manuell, d.h. mit der baren Hand beseitigen. Diese Berufsgruppe bildet die absolute Unterschicht der Dalits, den sogenannten Unberührbaren, die außerhalb des hinduistischen Kastensystems stehen. Obwohl die Unberührbarkeit seit 1951 und auch das Scavenging in Indien seit den 1970er Jahren offiziell verboten ist, gibt es vorsichtigen Schätzungen zufolge rund 800.000 Scavenger; andere Quellen gehen aufgrund der hohen Dunkelziffer von wohl realistischeren zwei Millionen aus.

Die menschenunwürdige Arbeit ist ein gesellschaftliches Tabu, an dem wenig bis gar nicht gerüttelt wird, zumindest nicht von offizieller Seite. Denn in Zeiten, in denen sich Indien als aufstrebende Wirtschafts- und Atommacht mit quasi-demokratischer Tradition verstanden wissen will, die ihre Türen global geöffnet hat (in Medienkreisen open door genannt), ist ein derartig deutlicher Wink aus dem anderen Indien mit einer in diesem Falle hochgradig diskriminierenden Tradition natürlich nicht gern gesehen.

So verwundert es nicht, wenn Falko Zubairis Film in Indien selbst nicht offiziell gezeigt wird. Denn Zubairis Blick hinter die offene Tür des Landes legt ein großes Problem der indischen Gesellschaft von heute schonungslos offen.

Der Film konfrontiert die Zuschauer mit einem direkten Einblick in die Arbeit der Scavenger. Das muss bei dieser Thematik leider sein, aber der Spagat zwischen Zumutbarkeit und der Grenze zum Ekel ist dem Filmteam in den meisten Fällen geglückt. Beispielsweise wird das Bassin einer zur Straße hin offenen Hauslatrine geöffnet und von einer Arbeiterin ausgeräumt. Mit einem Fetzen Zeitungspapier in der einen und einem Blecheimer in der anderen Hand geht sie an ihr Tagewerk. Die Fäkalien kommen in den Eimer und werden einige Zentimeter weiter in die offene Kanalleitung vor dem Haus gekippt. Pro ausgeräumte Latrine verdient die Scavengerin umgerechnet zwölf Cent.

Scavenger
Szene aus „Behind the Open Door“: Ein Latrinenreiniger bei der Arbeit Foto: Falko Zubairi

Keineswegs besser gestellt sind ihre Kollegen, die verstopfte Rohrleitungen der städtischen Kanalisationen ebenso per Hand frei buddeln und Eimer für Eimer ans Tageslicht bringen. Man muss kein aufmerksamer Zuschauer zu sein, um den abgestumpften Gesichtsausdruck des entsprechenden Arbeiters nach der Arbeit zu bemerken.

Die Arbeit gilt als unrein, ebenso wie die ganze Gesellschaftsschicht, die ihr nachgehen muss, weil sie sonst keine andere Möglichkeit zum Geldverdienen hat. Auch das Sammeln und Sortieren von Müll oder das Verarbeiten von toten Tieren wird von den Unberührbaren, den Dalits, erledigt. Rund 160 Millionen Menschen gehören den Dalits an. An ihrem untersten Ende finden sich die Scavenger; qua Geburt gesellschaftlich geächtet und zur Dreckarbeit verdammt, dabei ohne realistische Chancen auf einen Aus- oder gar Aufstieg. Hinzu kommen eine aufgrund der gesundheitlichen Belastungen durch Infektionskrankheiten und Faulgase unterdurchschnittliche Lebenserwartung sowie eine aus schieren Kostengründen mangelhafte bis fehlende medizinische Versorgung. Die meisten, die dem Scavenging nachgehen, betäuben sich mit Alkohol und anderen Drogen, da sie die Arbeit ansonsten nicht durchstehen könnten, physisch wie psychisch.

Doch es regt sich Widerstand in Form von Organisationen, die für die Würde der Scavenger eintreten. 1970 gründete Dr. Bindeshwar Pathak die Sulabh International Social Service Organisation, die Kompostierklosetts mit Wasserspülung entwickelt und diese seitdem verbreitet, um die Arbeit der Scavenger überflüssig werden zu lassen. Leider wird im Film die Besonderheit der von Sulabh hergestellten Toiletten nicht näher erklärt; bis auf ein paar Kameraeinstellungen, die über Größe und Farbe Aufschluss geben, muss der Zuschauer sich mit seiner eigenen technischen Vorstellungsphantasie weiterhelfen. Trotz solcher sicher sinnvollen Erfindungen und eines allgemeinen Verbots werden die Scavenger nach wie vor landesweit von den Gemeinden und Kommunen für die anfallende Arbeit verwendet. 1996 erkannten die Vereinten Nationen Sulabh International als vorbildlich an und verliehen der Organisation in Sanitärfragen einen Beraterstatus.

Gegen die Diskriminierung der Dalits setzt sich die ebenfalls im Film vorgestellte Gruppe Navsarjan ein, deren Vorsitzender Martin Macwan im Jahre 2000 den Human Rights Watch Award verliehen bekam. Er ist es, der in drastischen Worten die Situation der Scavenger beschreibt: „Wenn ein wohlhabender Mensch abends seine Essensreste auf die Straße kippt, dann kann ein Straßenhund durch Riechen wählen, ob er sie fressen möchte oder nicht. Die Scavenger haben diese Wahl nicht.“

Zubairis Film entwürdigt nicht. Er schaut zu, beobachtet und hält fest, was hinter der „offenen Tür“ Indiens vor sich geht. Die Betroffenen und ihre Vertreter werden in den Interviews untertitelt, nicht synchronisiert, so dass sie selbst zu Wort kommen. Bis auf eine kurze Einleitung und einen zusammenfassenden Epilog kommt der Film ohne jeden Kommentar aus dem Off aus. Die Bilder sprechen für sich: Indiens Armut ist keine Randerscheinung, sie ist allgegenwärtig, und darüber können auch die acht Prozent Wirtschaftswachstum, von dem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert, und die Atombomben im Keller nicht hinwegtäuschen.

Was bleibt also zu sagen? Wer ohnehin nie nach Indien fahren würde, weil er meint, Armut und den Dreck nicht aushalten zu können, der sollte so aufrichtig sein und mit Behind The Open Door nicht seine voyeuristische Ader befriedigen. Ein Blick hinter die offene Klotür ist wohl niemals appetitlich. Allen anderen jedoch, die ihre Augen vor diesem Problem des Schwellenlandes Indien nicht verschließen wollen, sei der Film wärmstens empfohlen, zumal er der erste und einzige ist, der dieses Thema überhaupt zur Sprache bringt und es geschafft hat, den Scavengern unter teils abenteuerlichen Umständen – das Filmteam musste bei den Dreharbeiten in den Elendsvierteln der Dalits vor aggressiven Hindunationalisten geschützt werden – eine Stimme zu geben.

Behind The Open Door (Scavenger)
Regie: Falko Zubairi.
Deutschland 2003. 53 Minuten.
Dokumentarfilm. O.m.U.

Links

http://www.behind-the-open-door.com

http://www.sulabhinternational.org

http://www.navsarjan.org

1 Gedanke zu “Indien hinter die offene Tür geschaut”

  1. Hallo,
    leider kann man diesen Film nirgendwo erwerben. Ich habe es bei www. behind-the-open-door,com schon versucht- bekomme aber keine Antwort. Wirklich sehr schade.
    Trotzdem Schöne Grüsse von Suse

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