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Anfang April

Es hat seit mindestens sechs Wochen nicht mehr geregnet, und der Wind im Gesicht fühlt sich an wie kaltes Papier auf der Haut, und die Hände werden rau und spröde. // Von Britz kommend durch Alt-Mariendorf gefahren, der stille Bus schwamm vorbei an weiß-rosa blühenden Kirschbäumen und gelben Forsythienbüschen: Äußere Merkmale der Natur, Metaphern für das Innenleben von uns Aprilkindern. // Ich vermisse meine Tochter, und mir tun die Arme weh, weil ich sie nicht täglich drücken kann.

//Bücher lese ich derzeit keine, ich stehe an meinen Fenstern und suche den Himmel schon nach Mauerseglern ab, obwohl sie erst im Mai bei uns eintreffen werden, wenn alles gut geht.
Die Stadt ist staubig und kalt und trocken, die Bäume sind noch kahl, die Sonne steht noch tief, der Himmel strahlt höhnisch, nachts gibt es Frost; tagsüber sind die Sonnenanbeter in Charlottenburg am Lietzensee und im Schlossgarten unterwegs. // Aperol Spritz und Weißwein trinken sie in den Außenbereichen, oder Gin oder eben Bier, oder alles in dieser Reihenfolge, oder was anderes, ist mir doch egal.


// Frieden: In meinem Hof singen die Amseln, tirilieren die Meisen, zwitschern die Spatzen, während weiter oben die Krähen sich ihre kurzen Kommandos buchstabieren. Wildtauben in den alten Platanen kloppen sich um die besten Äste, Eichhörnchen laufen ihre Wege ab, und eine Biene pausierte auf meinem Fensterbrett, bevor die Sonne bald endgültig Guten Abend sagen würde.

F.

// Die ersten Leitern wurden gebaut, weil der Mensch den Vögeln näher sein wollte. //
(Das wissen die meisten aber nicht mehr. Schon gar nicht hier.)

Von außen sah ich nicht hinein, von innen sah ich nicht hinaus. Lattenzaun forever. But life outside goes on all around you.

Unweit von dort, wo früher ein Herr von Ribbeck aus Ribbeck im Havelland zu soetwas wie einem birnenbringenden Lokalheiligen hochstilisiert werden musste, spucken heute Schüler auf den Gehweg, werden noch immer helmfeste Kurzhaarfrisuren mit buntem Seitenpony ausgeführt, werden andersfarbige Jacken kommentiert, werden Wege blockiert des Prinzips wegen.
Hier betreten sie den Supermarkt mit der Einstellung: „Mein Geld kriegt ihr nisch!“, hier verlassen sie ihre grauen Einfamilienhäuser mit der Einstellung: „Was wird das Leben mir heute Schlechtes bringen?“. Die Mundwinkel immer gen Boden fleuchend, bringen sie das Leben hinter sich. // Typisch für ganz Preußen, das weiß man ja.

Wo früher Trampelpfade matschten, rollen heute täglich die halbautomatischen SUVs. Wo früher Obstbäume gleichmütig die Jahre kommen und gehen sahen, stehen heute geschmacklose Energieschleudern. Wo früher Hecken vor Einblicken schützten, stehen heute unnahbare Mauern, 30 Jahre nach der „Wende“, es fehlt nur noch der Stacheldraht, muha!
Hier gibt es noch Bordsteine, so hoch, dass man sich die Schienbeine an ihnen stoßen kann, wenn man zuhause etwas erzählen will. Hier geht man nicht zu Fuß; man fährt für die fünf Brötchen den einen Kilometer zum Bäcker mit einem der mindestens zwei zur Verfügung stehenden Autos.
Und ab spätestens 16 Uhr läuft der Fernseher.

Es gibt hier mehr Fliegen als Falken, und mehr Krähen als Tauben, und mehr Spatzen als Meisen, und mehr Spinnen als Käfer, und mehr Rentner als Berufstätige. Es gibt hier geradeso einen klitzekleinen Buchladen, und selbst der traut sich nicht, außen mit einem Schild auf sich hinzuweisen; man muss um ihn wissen; aber drinnen gibt’s trotzdem nur die Spiegel-Shortlist.

20 Prozent wählen hier AfD; Thors Hammer ist ein gern getragener Männerschmuck: alles ganz echte Germanen hier, diese roten Stiernacken mit halbwegs ausgefüllter Teilnehmerurkunde, in ihren Pickup-Trucks – Aufkleber am Heck: „Mein anderes Spielzeug hat Titten!“ Auf Nummernschildern auffällig häufig braune Zahlenspiele (18, 88 usw.). Einer dieser Recken der Nachbarschaft (Nachbar = ahd.: „nächster Bauer“) lässt an einem Fahnenmast dauerhaft & immer ein AfD-Wahlplakat prangen, darunter wacht ein braun-schwarzer deutscher Schäferhund // Ich hab mir dieses Bild nicht ersponnen; ich konnte täglich dran vorbei gehen, wenn ich wollte.

Als ich hier noch zu „den Neuen“ gehörte — vor x Monaten drüben in einen bedachten Kasten eingezogen — musste ich mich natürlich noch zurückhalten mit Kopfschütteln und stummen Ausrufen. Also apropos „Eingeborene“: Beim Abendspaziergang auf der Südseite des Flutgrabens (einer Pissrinne!), den Blick geleitet vom elektrischen Zaun der Pferdekoppeln, sah ich sie einmal knietief in der Entengrütze stehen, die zwei Einheimischen mittleren Alters, wie sie mit Sieben das Wasser schöpften und sich ratlos ihre leer bleibenden Eimer betrachteten; Gutterallaute blöpend. Ich hatte Galle auf der Zunge. // Ein kleiner Taubenschwarm silberte in der Abendsonne vorüber.

Cut! Mitten im Leben, wieder am Anfang. Also Retour: Stadtluft macht frei. // Wussten sie schon im Mittelalter. Ich konnte meinen Kram plötzlich schneller packen als ich ein Umzugsunternehmen finden wollte: Aber siehe, mein gesamtes Hab und Gut passt immernoch komplett in einen Sprinter, wie zu Studentenzeiten. Hat immerhin etwas beruhigendes.

Beiträge im Serpent #11

In der November-Ausgabe des kleinen Magazins Serpent finden sich folgende Beiträge von mir:

  • Ballade vom traurigen Zündholz
  • Von denen Saufkoeppen
  • Kranführer
  • Sich einen Reim machen

und das freut mich sehr.

Das kleine Schlucknipp-Drama

(erschienen im Serpent Magazin 10 4/21)

Eines Tages gegen die Mittagszeit erinnert ihn ein vornehm ziehendes Hungergefühl aus seinem beachtlichen Bauch an seinen irdischen, menschlichen Ursprung. Er seufzt und legt seinen Visconti Medici-Füllfederhalter beiseite… Griechisch soll es heute sein, beschließt er und wirft sein schwarzes, weit geschnittenes Sacko über sein für diese Jahreszeit (und überhaupt generell) zu weit aufgeknöpftes weißes Hemd, das tadellos gebügelt ist, bindet seinen schmalen, roten Seidenschal um und schlüpft in seine braunen Segelschuhe; er hat es ja nicht weit, nur schräg über die Winterfeldtstraße hin zu seinem Stammgriechen.
Seine Arbeitsutensilien, d.h. einige lose Blattseiten, sein Smartphone sowie die Creditkarte und einen Kugelschreiber führt er lose am Mann.

Auftritt beim Griechen
Durch die Tür eintreten mit einem für alle anwesenden Gäste hörbaren Ausatmen; ja diese Tür… Dass er sie noch immer selbst zu öffnen hat, gibt in seinem Gehirnareal für Restaurantbewertungen nachwievor einen Punktabzug.
Sich im Gastraum also seufzend umsehen ohne Blickkontakte aufzunehmen; im Augenwinkel jedoch registrieren, wer alles herübergezuckt hat. Sich aus dem Sakko pellen und es nachlässig über die Stuhllehne gegenüber des zu wärmenden Sitzmöbels abwerfen; den Schal jedoch verfügt er über die rechte Schulter, ergo unter das fleischige Ohr (mit Silbersteckerchen!). Natürlich allein einen Tisch für vier Personen in Beschlag nehmen.
Sich die Stühle alle etwas vom Leib rücken, damit er Armfreiheit hat. Bei dem Bauch braucht er allerorten Armfreiheit! Dann sich mit affektiert gespielt-überraschter Miene über die ihm freundlich hingehaltene Speisekarte wundern: Als wenn es das völlig Undenkbarste wäre, in einem Restaurant diese Art von Literatur aufgenötigt zu bekommen! Japsend also ausatmen, quittierend nicken. Die Karte sodann eingehend studieren, dabei mit gesenkten Lidern übern Brillenrand die Eintragungen abtasten; abwechselnd führt mal die wulstige Nase, mal das vorgereckte Doppelkinn den lesenden Kopf. Wie ein Studienrat anno 1922, der anhand einer leidigen Schülerarbeit den Zustand des Abendlandes abzulesen vermeint.

Die Bestellung gibt er auf, ohne Blickkontakt zu dem bei ihm stehenden Kellner aufzunehmen: Ein Aperitiv vorab, und einen Espresso bis zur Vorsuppe des Hauptgangs, bitte. Immerhin bitte!
Die beiden Getränke werden alsbald gebracht. Er nippt vom Aperitiv und widmet sich seinen losen Blättern, will sich in Rechnungen oder Berechnungen oder irgendsoeine Pseudoarbeit „vertiefen“. Gemäßigte, wohltemperierte Reduziertheit zeichnet seine Bewegungen aus; aristokratisches Beleidigtsein (er hält es für aristokratisch) gegenüber den Gegenständen: Den Kugelschreiber kurz mustern, wo denn nun vorn und wo hinten sei, ah so hm, andersherum halten.. Ist da ein Fussel auf dem Papier, was?…
Er wirft kontrolliert einige Zahlenreihen und Striche aufs blanke Weiß; auch hier führt mal das Kinn, mal die Nase. Dann legt er den Stift ab, fährt seine rechte Fleischhand zum Espresso aus und führt das Tässchen hin zu seinen obszönen Fettlippen…

Ein dreifach Hossa! Dem Käffchen wohnt Gerechtigkeitsgefühl inne. Es mag affektierte Wichtigtuer nicht. Wisset: Die Welt der Dinge und Getränke hält zusammen. Wie ein sich in die Asche zurückrettender Anti-Phoenix trifft der kleine Schlürfnipp Espresso den Eingang zur Luftröhre. Zeus‘ Donnerkeil entlädt sich in der Kehle des selbstgefälligen Überhannes. Es knallt ein kurzer, heftiger Huster wie ein Schuss, ein Ruck durchzuckt das Fett; der Rückschlag presst ihm den braunen Kaffee-Shot augenblicklich durch Nase und Mund hinaus auf Hemd, Hose, Tischtuch, Blätter, Kugelschreiber, Smartphone. Die Hustenbombardements legen los: Der Speiseherr läuft rot an, und während er um Contenance ringt, bemerkt er die Sauerei auf sich und vor ihm; er will schon fluchen, doch die Atemlängen erlauben ihm kaum, auch nur den Buchstaben K auszusprechen. Das bißchen Flüssigkeit rennt über den Tisch in alle Richtungen wie eine kleine Springflut, umräufelt die Salz- und Pfefferstreuer, benetzt die Speisekarte, befleckt sogar noch das Sakko. Die von innen pressende Hustenattacke ballert noch immer. Tränen — lange nicht gehabt, was?! — verwischen ihm den sonst dauerpräsenten Durchblick. Sein Fettnacken ist schon dunkelrot angelaufen. Er ringt diesen kleinen Todeskampf zu Tisch ganz allein, denn er gab und gibt nichts auf andere Menschen, er signalisiert also auch jetzt nicht, dass jemand ihm rettend auf das Fett über seinen Schulterblättern schlagen sollte (Die Kellner sind ohnehin gerade in der Küche). Was für eine falsche Abfahrt hat er bzw. der verhängnisvolle Schlucknipp Espresso da nur genommen?
Und nun: Der hellbraune Rest von Bohnensaft, der, mit Nasensekret angesalzen, noch zusätzlich in seiner Nase brennt, provoziert – auch das noch! – einen Niesreiz, der sich gern gewaschen hätte (Wer von uns wüsste nicht, wie solche aufgedunsenen Typen niesen können!). Und so kulminiert der lautstarke Teil dieser Ein-Mann-Darbietung dergestalt, dass noch draußen auf der Straße, jenseits der Fensterscheibe des Lokals, drei scheue Rehe tief beeindruckt ihren Gang kurz unterbrechen.

Sein weißes Hemd hat ein unappetitlich braunes Collier á la Sprenkelbatik bekommen. Die Tischdenke kannste für heute vergessen. Mit Servietten versucht er ungeübt, die Pfützen auf und vor sich trocken zu legen und abzudecken; bald ist der ganze Tisch mit braungesaugten Servietten ausgelegt. Servietten und noch mehr Servietten werden ihm gebracht. Mit jeder Serviette werden seine Atemzüge etwas länger; der Husten wird zum Hüsteln und dann zum schier endlosen Räuspern. Er kann sich, nach zehn Minuten endlich und mit den Händen wedelnd, dem Kellner erklären, aber wie er sich so verschluckt haben konnte, das sei ihm ein Rätsel usw. usw.

(Anfang 2019)