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Serpent #13 _ Juli 2022

Man unterstützt den Underground, wo man nur kann. Und wenn’s diesmal nur ein Gedicht war. Serpent #13 ist jedenfalls erschienen.

Er wird in Berlin in der Bierbar/Kopernikusstraße zu finden sein, bei Klaus am Tresen fragen, ab Mitte Juli in Halle, ab August in Wien ausliegen.

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Anfang April

Es hat seit mindestens sechs Wochen nicht mehr geregnet, und der Wind im Gesicht fühlt sich an wie kaltes Papier auf der Haut, und die Hände werden rau und spröde. // Von Britz kommend durch Alt-Mariendorf gefahren, der stille Bus schwamm vorbei an weiß-rosa blühenden Kirschbäumen und gelben Forsythienbüschen: Äußere Merkmale der Natur, Metaphern für das Innenleben von uns Aprilkindern. // Ich vermisse meine Tochter, und mir tun die Arme weh, weil ich sie nicht täglich drücken kann.

//Bücher lese ich derzeit keine, ich stehe an meinen Fenstern und suche den Himmel schon nach Mauerseglern ab, obwohl sie erst im Mai bei uns eintreffen werden, wenn alles gut geht.
Die Stadt ist staubig und kalt und trocken, die Bäume sind noch kahl, die Sonne steht noch tief, der Himmel strahlt höhnisch, nachts gibt es Frost; tagsüber sind die Sonnenanbeter in Charlottenburg am Lietzensee und im Schlossgarten unterwegs. // Aperol Spritz und Weißwein trinken sie in den Außenbereichen, oder Gin oder eben Bier, oder alles in dieser Reihenfolge, oder was anderes, ist mir doch egal.


// Frieden: In meinem Hof singen die Amseln, tirilieren die Meisen, zwitschern die Spatzen, während weiter oben die Krähen sich ihre kurzen Kommandos buchstabieren. Wildtauben in den alten Platanen kloppen sich um die besten Äste, Eichhörnchen laufen ihre Wege ab, und eine Biene pausierte auf meinem Fensterbrett, bevor die Sonne bald endgültig Guten Abend sagen würde.

F.

// Die ersten Leitern wurden gebaut, weil der Mensch den Vögeln näher sein wollte. //
(Das wissen die meisten Leute aber nicht mehr. Schon gar nicht hier.)

Von außen sah ich nicht hinein, von innen sah ich nicht hinaus. Lattenzaun forever. But life outside goes on all around you.

Unweit von dort, wo früher ein Herr von Ribbeck aus Ribbeck im Havelland zu soetwas wie einem birnenbringenden Lokalheiligen hochstilisiert werden musste, spucken heute Schüler auf den Gehweg, werden noch immer helmfeste Kurzhaarfrisuren mit buntem Seitenpony ausgeführt, werden andersfarbige Jacken kommentiert, werden Wege blockiert des Prinzips wegen.
Hier betreten sie den Supermarkt mit der Einstellung: „Mein Geld kriegt ihr nisch!“, hier verlassen sie ihre grauen Einfamilienhäuser mit der Einstellung: „Was wird das Leben mir heute Schlechtes bringen?“. Die Mundwinkel immer gen Boden fleuchend, bringen sie das Leben hinter sich. // Typisch für ganz Preußen, das weiß man ja.

Wo früher Trampelpfade matschten, rollen heute täglich die halbautomatischen SUVs. Wo früher Obstbäume gleichmütig die Jahre kommen und gehen sahen, stehen heute geschmacklose Energieschleudern. Wo früher Hecken vor Einblicken schützten, stehen heute unnahbare Mauern, 30 Jahre nach der „Wende“, es fehlt nur noch der Stacheldraht, muha!
Hier gibt es noch Bordsteine, so hoch, dass man sich die Schienbeine an ihnen stoßen kann, wenn man zuhause etwas erzählen will. Hier geht man nicht zu Fuß; man fährt für die fünf Brötchen den einen Kilometer zum Bäcker mit einem der mindestens zwei zur Verfügung stehenden Autos.
Und ab spätestens 16 Uhr läuft der Fernseher.

Es gibt hier mehr Fliegen als Falken, und mehr Krähen als Tauben, und mehr Spatzen als Meisen, und mehr Spinnen als Käfer, und mehr Rentner als Berufstätige. Es gibt hier geradeso einen klitzekleinen Buchladen, und selbst der traut sich nicht, außen mit einem Schild auf sich hinzuweisen; man muss um ihn wissen; aber drinnen gibt’s trotzdem nur die Spiegel-Shortlist.

Je nach Wahlkreis wählen bis zu 20 Prozent hier die AfD; Thors Hammer ist ein gern getragener Männerschmuck: alles ganz echte Germanen hier, diese roten Stiernacken mit halbwegs ausgefüllter Teilnehmerurkunde, in ihren Pickup-Trucks – : Aufkleber am Heck: „Mein anderes Spielzeug hat Titten!“ Auf Nummernschildern auffällig häufig braune Zahlenspiele (18, 88 usw.). Einer dieser Recken der Nachbarschaft (Nachbar = ahd.: „nächster Bauer“) lässt an einem Fahnenmast dauerhaft & immer ein AfD-Wahlplakat prangen, darunter wacht ein braun-schwarzer deutscher Schäferhund // Ich hab mir dieses Bild nicht ersponnen; ich konnte täglich dran vorbei gehen, wenn ich wollte.

Als ich hier noch zu „den Neuen“ gehörte — vor x Monaten drüben in einen bedachten Kasten eingezogen — musste ich mich natürlich noch zurückhalten mit Kopfschütteln und stummen Ausrufen. Also apropos „Eingeborene“: Beim Abendspaziergang auf der Südseite des Flutgrabens (einer Pissrinne!), den Blick geleitet vom elektrischen Zaun der Pferdekoppeln, sah ich sie einmal knietief in der Entengrütze stehen, die zwei Einheimischen mittleren Alters, wie sie mit Sieben das Wasser schöpften und sich ratlos ihre leer bleibenden Eimer betrachteten; Gutterallaute blöpend. Ich hatte Galle auf der Zunge. // Ein kleiner Taubenschwarm silberte in der Abendsonne vorüber.

Cut! Mitten im Leben, wieder am Anfang. Also Retour: Stadtluft macht frei. // Wussten sie schon im Mittelalter. Ich konnte meinen Kram plötzlich schneller packen als ich ein Umzugsunternehmen finden wollte: Aber siehe, mein gesamtes Hab und Gut passt immernoch komplett in einen Sprinter, wie zu Studentenzeiten. Hat immerhin etwas beruhigendes.

Beiträge im Serpent #11

In der November-Ausgabe des kleinen Magazins Serpent finden sich folgende Beiträge von mir:

  • Ballade vom traurigen Zündholz
  • Von denen Saufkoeppen
  • Kranführer
  • Sich einen Reim machen

und das freut mich sehr.